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Presseanweisungen Version 1.0 Juergen Wilke
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From DDR-Presse: Beitraege und Materialien

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Hauptfoto: File:Pressekonferenz Berlin 1958.jpg
Pressekonferenz in Berlin am 10.10.1985. Foto: Erich Zühlsdorf.
Presseanweisungen. Organisation, Themen, Akteure, Sprechakte
von: Jürgen Wilke veröffentlicht: 23.05.2011
In der DDR gründete die politische Führung ihre Macht nicht nur auf die extensiv genutzten Instrumente der Staatsgewalt. Sie bediente sich – wie andere Diktaturen – dazu auch Mitteln der gesellschaftlichen Kommunikation und darunter insbesondere der Massenmedien, mit denen versucht wurde, die Bevölkerung ideologisch zu formen, zur Unterstützung der politischen Ziele zu bewegen und damit den politischen Willen der Staatsmacht zu manifestieren. Um die Massenmedien zu instrumentalisieren, wurden staatlicherseits verschiedene Wege beschritten. Dazu gehörten rechtliche Maßnahmen, organisatorische Vorkehrungen, der Einsatz geeigneter Personen und die Anbindung der Nachrichtenwege an das Herrschaftssystem. Ein besonderes Mittel stellten Presseanweisungen dar, d.h. Mitteilungen mit Auflagen und Instruktionen zur Berichterstattung und Kommentierung in der Presse und den Massenmedien im Allgemeinen.

Presseanweisungen gab es in Deutschland schon zuvor. Seitdem es der Obrigkeit verwehrt war, eine direkte Zensur auf die Presse auszuüben, war man bemüht, diese auf andere Weise zu beeinflussen. Dazu entstand ein amtlicher Apparat bereits im 19. Jahrhundert. Reichskanzler von Bülow etwa versah seinen Pressereferenten Otto Hammann zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Instruktionen, die er an die Presse herantragen sollte.[1] Systematisch wurde dieses Mittel erstmals im Ersten Weltkrieg angewandt. Seit August 1914 fanden im Reichstag regelmäßig Pressebesprechungen statt, bei denen die anwesenden Journalisten Informationen und Anweisungen erhielten.[2] Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland an die Macht kamen, wurde diese Praxis wieder aufgenommen.[3] Im Reichspropagandaministerium wurden Pressekonferenzen abgehalten, bei denen den die Journalisten Anweisungen erteilt wurden. Die Zahl dieser Weisungen nahm im Laufe der Jahre zu und erstreckte sich auf alle möglichen Ereignisse und Themen der Berichterstattung. Ähnlich wurde nach 1945 auch in der SBZ/DDR verfahren – und dies, obwohl die Machthaber dort ausdrücklich Position gegen jede Form des Nationalsozialismus und Faschismus bezogen.[4]

Unter Presseanweisungen sind amtliche, von Regierung, Behörden oder herrschenden Parteien ausgehende Wünsche und Aufforderungen zu verstehen, die Form und Inhalt der Medien betreffen. Entstanden ist der Begriff, als die gedruckte Presse noch das einzige publizistische Massenmedium war. Später richteten sich diese Anweisungen allerdings auch an „neue“ Medien wie den Rundfunk (Hörfunk) und das Fernsehen. Trotz dieser medialen Ausweitung wurde weiterhin von Presseanweisungen gesprochen, ähnlich wie man auch an dem Begriff Pressekonferenz festgehalten hat, obgleich an dieser inzwischen auch Journalisten anderer Medien teilnehmen. Presse bezieht sich im Kontext der Presseanweisungen folglich nicht mehr nur auf das gedruckte Medium, sondern steht für die Mittel journalistischer Berichterstattung generell.

Entstehung

Die Anfänge des Instrumentariums der Presseanweisungen in der DDR reichen bis in die Anfangszeit der sowjetischen Besatzungsherrschaft zurück. Diese praktizierte sogleich eine Vorzensur und erließ „vorläufige Regeln“, wonach jegliche Propaganda für „Faschismus, Militarismus und Rassenlehre“ verboten war.[5] Binnen kurzem wurden außerdem „bestimmte Wünsche [geäußert] für die Aufnahme von Beiträgen zur Förderung einer deutsch-sowjetischen Annäherung oder für das Aufgreifen bestimmter außen- und weltpolitischer Themen, an denen auf sowjetischer Seite ein aktuelles Interesse besteht“.[6] Einen detaillierten Richtlinienkatalog gab es zunächst aber nicht.

Noch vor der Aufhebung der Vorzensur im November 1946 trat die Direktive Nr. 40 in Kraft, die vom Alliierten Kontrollrat erlassen worden war und für alle Besatzungszonen galt. Darin wurden vor allem gegen die Besatzungsmächte gerichtete Nachrichten und kritische Stellungnahmen verboten. Als dann in der SBZ und im sowjetisch besetzten Sektor von Berlin Lizenzen für deutsche Zeitungen vergeben wurden, geschah das verbunden mit bestimmten Richtlinien. Dies waren die ersten schriftlich fixierten Anweisungen, welche die Zeitungen in der SBZ und im sowjetisch besetzten Sektor von Berlin erhielten. Angeordnet wurde, dass insbesondere „feindliche, provokatorische oder verleumderische Gerüchte über die Sowjetunion, ihre Außen- und Innenpolitik“, ferner tendenziöse „Schilderungen der Lage der Besatzungszone“[7] wie auch Meldungen über militärische Einzelheiten und die Verhältnisse der Besatzungstruppen nicht gestattet seien. Im Ganzen beließ es die sowjetische Militärverwaltung aber bei solch allgemeinen Vorgaben und verzichtete laut Peter Strunk „bewußt auf jede Form inhaltlicher Richtlinien“.[8]Die Propagandaverwaltung der SMAD forderte wiederholt eine aktivere Propaganda in der Presse der SBZ. Das Außenministerium der UdSSR zeigte sich mehrere Male sehr unzufrieden mit der Arbeit der Abteilung und machte deren Chef Generalmajor Tjulpanow persönlich dafür verantwortlich. Den Höhepunkt der Kritik bildete ein Memorandum vom 5. Mai 1948, in dem praktisch ein Scheitern der eigenen Propagandaarbeit eingestanden wurde.

Organisation

Nachdem die politischen Zuständigkeiten in deutsche Hände übertragen worden waren, ergingen Anweisungen an die Presse (und die anderen Medien) in der DDR von mehreren Stellen des Partei- und Staatsapparats. Mitunter waren es die höchsten Repräsentanten selbst, die sich direkt in die inhaltliche Arbeit der Medien einschalteten.[9] Belegt sind beispielsweise die Eingriffe des SED-Generalsekretärs Honecker in die Fernsehnachrichtensendung „Aktuelle Kamera“. Er war sich nicht zu schade, selbst Meldungen auszuwählen oder sogar zu schreiben.[10] Beim Zentralorgan „Neues Deutschland“ musste zudem der Seitenspiegel täglich von Honecker abgesegnet bzw. dessen Wünschen entsprechend abgeändert werden. An diesem Seitenspiegel hatte sich auch die „Aktuelle Kamera“ zu orientieren.

Primär zuständig für die Medienlenkung waren jedoch die speziellen einschlägigen Einrichtungen. Die führende Rolle hatte die aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD 1946 hervorgegangene SED, die eine Abteilung Presse und Information beim Parteivorstand eingerichtet hatte. Diese Abteilung wurde in der Folgezeit mehrfach umstrukturiert und umbenannt.[11] In den 1950er-Jahren bestanden getrennte Abteilungen für Agitation und Propaganda, die schließlich 1957 zusammengelegt, aber schon vier Jahre später wieder aufgeteilt wurden. Von 1961 bis zur beginnenden Auflösung der DDR im Jahr 1989 existierte daher die ZK-Abteilung für Agitation. An deren Spitze stand der Sekretär des Zentralkomitees für Agitation und Propaganda, der auch zugleich Vorsitzender der Agitationskommission beim Politbüro war. 1953 hatte das Politbüro eine „Kommission für Presse und Rundfunk“ geschaffen, die am 15. März 1955 die Bezeichnung „Kommission für Agitation beim Zentralkomitee“ erhielt. Hinzu kamen Lenkungsinstanzen im Mediensystem selbst. Zu diesem Zweck war 1952 das Staatliche Rundfunkkomitee gegründet worden, dem außer dem Hörfunk auch das 1956 eingeführte Fernsehen unterstand. Wegen seiner zunehmenden Bedeutung wurde letzteres 1968 ausgegliedert und einem eigenen Staatlichen Komitee für Fernsehen unterstellt, welches eine Vielzahl von allgemeinen und speziellen Vorgaben für die Programminhalte machte, insbesondere für die „Aktuelle Kamera“, die Fernsehnachrichtensendung der DDR.[12]

Auf der Staats- und Exekutivebene gab es ebenfalls Organe der Medienlenkung. Im September 1949, kurz vor der Gründung der DDR, war mit Billigung der Besatzungsmacht eine „Hauptverwaltung Information“ innerhalb der von der SED beherrschten „Deutschen Wirtschaftskommission“ eingerichtet worden, einem Vorläufer des SED-Ministerrats. Zu ihrem Leiter wurde Gerhart Eisler bestimmt, der im Oktober 1949 zudem die Leitung des neu geschaffenen „Amts für Information“ der DDR-Regierung übernahm. Zum 1. Januar 1953 erhielt das Berliner „Amt für Information“ die Bezeichnung „Presseamt beim Ministerpräsidenten der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik“.[13] 1963 folgte nochmals eine Umbenennung in „Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats der DDR“. Unter diesem Namen bestand das Amt bis zum November 1989. Beim Presseamt gab es nach der Umstrukturierung und Umbenennung fünf Abteilungen, von denen vier inhaltlich arbeiteten: die Informationsabteilung, die Abteilung Lektorat/Finanzen, die Abteilung Journalistenbetreuung/Verbindungen und die Abteilung Presse der Sowjetunion.

Eine entscheidende Rolle im Lenkungssystem der Medien nahm der ZK-Sekretär für Agitation ein. Über die Agitationskommission beim Politbüro hatte er den maßgeblichen Einfluss auf die SED-Presse und auf die Redaktionen in Hörfunk und Fernsehen. Die SED besaß mit dem Zentralorgan „Neues Deutschland“ und vierzehn Bezirkszeitungen den Löwenanteil an der Gesamtauflage der Tagespresse in der DDR. Dazu gehörten auch die Zeitungen der von der Partei kontrollierten Massenorganisationen: FDJ („Junge Welt“), FDGB („Tribüne“) und DTSB („Deutsches Sportecho“). Die SED-Blätter wurden über die Agitationskommission angeleitet, der als hauptamtliche Mitglieder außer Parteifunktionären auch Chefredakteure angehörten. Die Kommission traf sich in der Regel jeden Mittwoch, um aus der Sitzung des Politbüros vom Vortag notwendige Schlüsse für die Agitationsarbeit zu ziehen. Einen anderen Weg nahmen die Anweisungen für die Presse der Block-Parteien, d.h. der Parteien, die 1949 mit der SED in der „Nationalen Front“ zusammengeschlossen worden waren: Christlich Demokratische Union (CDU), Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) und die Bauernpartei. Deren Presseorgane erhielten Anweisungen über das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats. Die dort stattfindenden Besprechungen waren gefürchtet. Zuständige Mitarbeiter/innen kontrollierten zudem die Zeitungen und intervenierten gegebenenfalls. Ohnehin hatten die Blockparteien eigene Agitationssekretäre. Über solche Sekretäre verfügten auch die SED-Kreisleitungen, die sich um die Bezirkszeitungen kümmerten. Die Sportredakteure wurden eigens vom Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) angeleitet.[14]

Außer den bisher genannten haben auch andere Stellen im System der DDR auf die Medienberichterstattung einzuwirken versucht. Auf der Parteiebene konnten das die entsprechenden SED-Kreisleitungen sein. Auf Seiten der Regierung waren dies andere Ministerien, wie beispielsweise das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA).
Aufgaben in der Medienlenkung wurden in der DDR vielfach von denselben Akteuren in Personalunion wahrgenommen, sodass eine zum Teil beträchtliche personelle Kontinuität bestand.[15] Hermann Axen war von 1949 bis 1953 Sekretär des ZK für Massenagitation und Presse. Die längste Zeit hatte diese Funktion Joachim Herrmann inne (1978 bis 1989). Als Leiter der Abteilung Agitation folgten einander Robert Korb (1949 bis 1951), Horst Sindermann (1954 bis 1963), Rudolf Singer (1963 bis 1966), Werner Lamberz (1966 bis 1971), Hans Modrow (1971 bis 1973) und Heinz Geggel (1973 bis 1989). Nach Fritz Beyling (1953 bis 1958) amtierte Kurt Blecha drei Jahrzehnte (1958 bis 1989) als Leiter des Presseamts. Mehrere der genannten Personen waren zusammen mit weiteren Parteifunktionären zeitweise zugleich Mitglieder der Agitationskommission, so Albert Norden (als ihr Leiter 1955 bis 1967), Kurt Blecha (1958 bis 1989), Hermann Axen (1963 bis 1971), Günter Schabowski (1978 bis 1985) und Gerhart Eisler.

Die Rolle der Journalisten in der DDR war gemäß der marxistisch-leninistischen Pressetheorie die von Staatsdienern. Die Presseanweisungen entsprachen diesem Rollenverständnis, welches Klaus Raddatz, von 1977 bis 1984 stellvertretender Leiter der Agitationsabteilung der SED, auf einer „Donnerstag-Argu“ einmal wie folgt beschrieben hat: „Wir Journalisten sind exponierte Kämpfer der Partei, der wir uns freiwillig angeschlossen haben. Es ist niemand gezwungen worden, Journalist zu werden. Das bedeutet für uns: Es gibt eine Parteilinie, und die haben wir durchzusetzen, entsprechend den Beschlüssen des X. Parteitags, des 7. Plenums, entsprechend den Aufträgen des Generalsekretärs und den Hinweisen des für unsere Arbeit zuständigen Sekretärs des ZK.“[16]

Quellenlage

Da Anweisungen an die Presse und die Medien im Allgemeinen in der DDR von zahlreichen Stellen ausgingen, sind die Quellenbelege dafür verstreut (soweit sie überhaupt dokumentiert und erhalten sind). Auch hier ist mit nicht bestimmbaren Verlusten zu rechnen. Zudem ist davon auszugehen, dass es mündliche Anweisungen gab, die nicht aufgezeichnet wurden. Dennoch enthalten die im Bundesarchiv gelagerten DDR-Bestände eine Vielzahl von Belegen für die Presseanweisungen. Die Überlieferung im Laufe der Jahre ist allerdings unterschiedlich. Die zunehmende Dichte seit den 1960er-Jahren lässt darauf schließen, dass auch das Anweisungssystem seitdem intensiver ausgeprägt war.

Die auf Parteiebene erlassenen Presseanweisungen finden sich in den Beständen der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO).[17] Ebenfalls im Bundesarchiv liegen die Akten des Presseamts beim Ministerrat der DDR.[18] Als unzureichend dokumentiert galten bisher die vom Presseamt veranstalteten sogenannten Donnerstag-Argus, auf denen die Journalisten auf die aktuellen politischen Argumentationen der SED eingeschworen wurden. Bekannt waren zunächst nur unvollständige Mitschriften, die Ulrich Ginolas, in den 1980er-Jahren stellvertretender Pressereferent des Nationalrats der Nationalen Front, von den mündlichen Anleitungen im Presseamt angefertigt und unter dem Pseudonym Ulrich Bürger veröffentlicht hat.[19] Diese umfassen aber nur die Jahre 1982 bis 1988 und sind sehr bruchstückhaft, da Ginolas im Durchschnitt nur zehn der vierzig jährlich stattfindenden Pressekonferenzen besuchte.[20] Umso wichtiger ist es daher, dass inzwischen weitere Funde im Bundesarchiv gemacht werden konnten. Dabei sind fortlaufende Protokolle der „Donnerstag-Argus“ aus dem Tätigkeitsbereich Günter Schabowskis aufgetaucht, der von März 1978 bis November 1985 Chefredakteur des Zentralorgans „Neues Deutschland“ war.[21] Weitere Protokolle wurden in den Akten von Joachim Herrmann entdeckt, Vorgänger von Schabowski als Chefredakteur des ND und ZK-Sekretär seit 1978.[22]

Wege und Formen

Die Presseanweisungen in der DDR lassen sich hinsichtlich ihrer Verbreitungswege sowie der verwendeten Formen und Modalitäten unterscheiden.

Gespräche und mündliche Anweisungen

Dass Journalisten und Redaktionen in der DDR in direkten Gesprächen und „Beratungen“ angeleitet wurden, ist historisch belegt, auch wenn dabei nur mündlich kommuniziert wurde. Da die DDR ein höchst bürokratischer Staat war, in dem Protokolle, Niederschriften und Rapporte an der Tagesordnung waren, liegen Aktennotizen und Berichte über Redaktionsbesuche und dort geführte Aussprachen vor – nicht selten mit scharfer Kritik an den erbrachten journalistischen und organisatorischen Leistungen. Diesen Gesprächen lagen laufend vorgenommene „Einschätzungen“ zugrunde, in denen die Arbeit der Zeitungen bewertet wurde. Eigene „Zeitungsprüfer“ waren in der Abteilung Agitation und Propaganda (und ebenfalls in den SED-Kreisleitungen) mit der Beobachtung der Blätter befasst. Die mangelnde ideologische und journalistische Umsetzung von Vorgaben wurde umgehend gebrandmarkt. Dringende Anweisungen wurden außerdem fernmündlich erteilt. Darüber geben zum Teil Interviews Auskunft, die nach 1989 mit (ehemaligen) Programmverantwortlichen und Journalisten der DDR geführt wurden.[23] Insbesondere ZK-Sekretär Joachim Herrmann griff gern zum Telefon. Nicht nur in die Redaktion des „Neuen Deutschland“ regierte er hinein. Auch die SED-Bezirkszeitungen erhielten immer wieder Anrufe von ihm. Sein besonderes Interesse galt jedoch den Nachrichtensendungen von Radio und Fernsehen. Hier gab es Interventionen bis in die laufende Sendung hinein. Üblicherweise bediente sich in der DDR auch das Presseamt des Telefons, um Einfluss auf die Zeitungen der Blockparteien zu nehmen.

Rundschreiben

Zu gegebenen Anlässen wurden Briefe und Rundschreiben mit Anweisungen für die Presse verschickt. Davon machte vor allem Horst Sindermann als ZK-Sekretär für Agitation (1954 bis 1963) Gebrauch. Beispielsweise wurden die Chefredakteure der SED-Bezirkszeitungen aufgefordert, sich an der Aktion zur Gewinnung von 50.000 Produktionsarbeitern für die Partei zu beteiligen.[24] Dabei wurden die bisherigen Bemühungen der Redaktionen kritisiert und Vorschläge gemacht, wie bestimmte Themen besser dargelegt werden könnten und wie zu argumentieren sei. In einem Schreiben vom 11. Dezember 1957 etwa gab Sindermann Anweisungen, die Zeitungsausgaben für Weihnachten nicht als solche für ein bürgerliches Fest zu gestalten.[25]

Redaktionsbrief Nr. 1 vom 23. Mai 1957
Das aktuelle Argument Nr. 3 vom 18. August 1961
Argument der Woche vom 20. Februar 1965

Druckschriften

Im Druck vervielfältigte Anweisungen an die Presse entstanden ebenfalls schon in den 1950er-Jahren. Auf diese Weise ließ sich eine größere Zahl von Empfängern erreichen. Dabei bot sich Platz auch für ausführlichere Darlegungen und eingehende Begründungen. Im Mai 1957 begann die Abteilung Agitation und Propaganda damit, sogenannte Redaktionsbriefe herauszugeben.[26] Eine weitere Druckschrift war „Das aktuelle Argument“.[27] Seine erste Nummer erschien am 18. August 1961. Gemäß der kommunistischen Terminologie wurden hier Argumentationen für langfristige Grundfragen der Politik formuliert. An die Stelle des „Aktuellen Arguments“ scheint in der Folge das „Argument der Woche“ getreten zu sein. Ein „Informationsdienst“ versprach einem festgelegten Personenkreis vertrauliche Informationen.[28] Der Inhalt wurde als „parteiinternes Material“ gekennzeichnet, das nur für die mündliche Argumentation bestimmt sei. Der „Informationsdienst“ wurde mehrere Jahre lang in etlichen Ausgaben produziert.

Fernschreiben-Telegramme

Fernschreiben-Telegramm der Agitationsabteilung vom 2. April 1968

Um auf die aktuelle Tagesberichterstattung Einfluss zu nehmen, setzte die Abteilung Agitation seit Mitte der 1960er-Jahre stärker auf Fernschreiben-Telegramme.[29] Sie sind – bisweilen täglich, sonst in mehrtägigem Abstand – in der Regel am Nachmittag an die SED-Zeitungen, den Rundfunk und den Deutschen Fernsehfunk telegrafisch übermittelt worden. Die Presse der Blockparteien war über das Presseamt angebunden, welches die Fernschreiben ebenfalls erhielt. Die auf diesem Wege übermittelten Presseanweisungen erstreckten sich fast über das gesamte Spektrum journalistischer Themen. Innenpolitische Bedeutung hatten sie für die Verwirklichung ideologischer Prämissen und für die Aktivitäten der Staatsorgane der DDR und der Staatspartei. Außenpolitisch sollten vor allem die Erfolge bei der internationalen Anerkennung der DDR herausgestellt werden. Eine zentrale Rolle spielten ferner Anweisungen, die die Bundesrepublik Deutschland bzw. das Verhältnis der DDR zu ihr betrafen. Vor allen Dingen jene Weisungen, die die Bundesrepublik diskreditierten, wurden zur besonderen Beachtung und Aufmachung empfohlen. Erwünscht waren der politischen Führung andererseits Erfolge und Jubelmeldungen aus dem eigenen Lager, wie z.B. die Errungenschaften der sowjetischen Raumfahrt. Neben politischen und wirtschaftlichen Themen ergingen gelegentlich auch Anweisungen zu Begebenheiten des kulturellen Lebens und zu Sportereignissen.

Hektografierte Argumentationshinweise

Argumentationshinweise der Agitationskommission Nr. 32 vom 11. März 1965

Die Abteilung Agitation des ZK der SED gab sich Mitte der 1960er-Jahre nicht mehr mit dem Medium des aktuellen Fernschreibens zufrieden. Aus einem Bedürfnis nach stärkerer grundsätzlicher und ideologischer Fundierung wurden sogenannte Argumentationshinweise erarbeitet, im Umdruck (der Hektografie) vervielfältigt und den gleichen Beziehern wie der Telegramme zugestellt.[30] Allein im Jahr 1965 sind 113 solcher „Argumentationshinweise“ produziert worden, meist im Umfang von drei bis sieben Seiten. Hierbei tat sich besonders Rudolf Singer, der damalige Leiter der Agitationsabteilung hervor. Die „Argumentationshinweise“ hatten einen systematischen Anstrich. Die damit gelieferten Informationen und Argumente wurden in einer feststehenden Gliederung ausgeführt. Sie waren mit der Partei- und Staatsideologie unterfüttert und gänzlich von einem marxistisch-leninistischen Vokabular durchdrungen.

Pressekonferenzen

Im Januar 1953 hatte das Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR damit begonnen, Pressekonferenzen zu veranstalten. Diese fanden meist im Abstand mehrerer Wochen statt. Bis Ende der 1960er-Jahre sind sie durch Protokolle in den Akten des Amtes gut belegt, in den 1970er-Jahren fanden sie eher selten und zwischen 1981 und 1989 offensichtlich gar nicht mehr statt.[31] Die Pressekonferenzen waren in der Regel einem bestimmten Gegenstand oder Thema gewidmet. Behandelt wurden sowohl innen- und außenpolitische, als auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Fragen. Üblicherweise traten auf den Pressekonferenzen unterschiedliche Vertreter des Staatsapparats auf: Minister, aber auch andere Funktionäre sowie gelegentlich Besucher aus dem Ausland. Sie erhielten ausgiebig Gelegenheit, den Journalisten ihre Sicht der Dinge vorzutragen. Danach durften Fragen gestellt werden, die jedoch vorab eingereicht werden mussten, um unerwünschte und spontane Fragen zu verhindern. Zudem wollte man wohl vorbereitet auf die Fragen antworten. Explizite Anweisungen standen bei den Pressekonferenzen nicht im Vordergrund, flossen aber bei Bedarf mit ein. An den Pressekonferenzen des Presseamts nahmen zahlreiche Journalisten der Presse und des Rundfunks der DDR, als auch Mitarbeiter von Pressestellen teil. Ihre Zahl konnte sich auf mehr als hundert belaufen. Teilnehmen durften auch ausländische und seit den 1960er-Jahren zudem westdeutsche Journalisten.

Die „Donnerstag-Argus“

Protokoll der „Donnerstags-Argu“ vom 3. Oktober 1980

An die Stelle der Rund- und Fernschreiben traten in den 1970er-Jahren zunehmend mündliche Anweisungen. Eine zentrale Rolle spielte dabei „die Argumentation“, kurz „Donnerstag-Argus“ genannt, eine wöchentliche Veranstaltung der Agitationsbürokratie im Raum 3119 des ZK am Werderschen Markt in Berlin. Hans Modrow, seit 1971 Leiter der Agitationsabteilung, hat diese Form der Beratung, wie er sagte, „erfunden“.[32] Als sein Nachfolger saß den „Argus“ von 1973 bis 1989 Heinz Geggel vor (sofern er nicht verhindert war oder vertreten wurde). Bei den „Donnerstag-Argus“ hatten die Chefredakteure von Fernsehen und Rundfunk sowie Vertreter der in (Ost-)Berlin erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften anwesend zu sein. Insgesamt waren dies sechzig bis achtzig Journalisten (darunter auch andere Medienfunktionäre). Ausgenommen waren sowohl das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ als auch die Zeitungen der Blockparteien. Günter Schabowski, 1978 bis 1985 Chefredakteur des ND, konnte sich dispensieren: „Ich brauchte Geggel nicht, um an irgendwelche Informationen zu kommen.“[33] Gleichwohl erhielt er die Protokolle der „Donnerstag-Argus“. Die Vertreter der Blockparteien wurden anderntags vom Leiter des Presseamts entsprechend unterrichtet. Die „Donnerstag-Argus“ hatten große Ähnlichkeit mit den einstigen Pressekonferenzen im NS-Reichspropagandaministerium. Das gilt auch für die Vorschrift, nach der die Journalisten eigene Aufzeichnungen nicht weitergeben bzw. aufbewahren sollten. Daran hatte sich glücklicherweise der erwähnte Ulrich Bürger (alias Ginolas) nicht gehalten. Seine 1991 von ihm publizierten Mitschriften geben einen – wenn auch bruchstückhaften – Eindruck von den „Donnerstag-Argus“. Vollständiger sind die Protokolle, die Günter Schabowski zugeleitet wurden. Diese von Protokollanten aufgezeichneten Mitschriften waren aber keineswegs so exklusiv, wie behauptet. Beigefügte Laufzettel belegen, dass Protokolle der „Donnerstag-Argus“ in der Redaktion des ND kursierten.[34] Die Protokolle dokumentieren auch, wie diese Veranstaltungen abliefen. In der Regel standen Informationen zur Lage und prinzipielle Äußerungen (nicht selten von als Gästen geladenen Genossen) im Vordergrund. Hinzu kamen Mitteilungen und „Auswertungen“ von Beschlüssen des Politbüros und anderer Organe, Ankündigungen und Termine mit einem „politischen Kalender“. Darin eingeschlossen waren überdies Anweisungen, die den Journalisten auferlegten, wie sie bestimmte aktuelle oder historische Ereignisse und Aktionen zu behandeln hätten.

Themen und Ortsbezüge

Im Laufe der Jahrzehnte erhielten die DDR-Medien Anweisungen zu einer Vielzahl von Themen. Sie betrafen nahezu alle Sparten der journalistischen Berichterstattung, von der Politik über die Wirtschaft bis zu Sport und Kultur. Allerdings kamen bestimmte Themenbereiche (viel) häufiger vor als andere. Anke Fiedler und Michael Meyen haben – mit dem Anspruch auf eine „Vollerhebung“ – eine Inhaltsanalyse aller überlieferten mündlichen und schriftlichen Argumentationsanweisungen von 1960 bis 1989 durchgeführt (von insgesamt 6454 Anweisungen).[35]

Hauptthemen der Argumentationsanweisungen, Anke Fiedler, Michael Meyen

Diese Auswertung belegt das Übergewicht von Anweisungen zur Innenpolitik der DDR. An zweiter Stelle stand die Außenpolitik und drittens wirtschaftliche Themen. Gliedert man die Anweisungen nach der Amtszeit der SED-Generalsekretäre in zwei große Epochen, so zeigt sich, dass die drei genannten Hauptthemen in der Ära Ulbricht rund vier Fünftel aller Anweisungen ausmachten. Andere Themen kamen nur selten vor. In der Ära Honecker machten diese Hauptthemen nur noch knapp 70 Prozent aus. Was darauf schließen lässt, dass ab diesem Zeitpunkt andere Themen häufiger Anlass für Anweisungen boten – vor allem die zunehmend strittige Kulturpolitik. Insbesondere die Innenpolitik verlor in den Anweisungen der Honecker-Ära ihre dominante Rolle. Doch davon abgesehen, gab es keine größeren Verschiebungen in der Thematik der Anweisungen in beiden Phasen. Der Anteil der außenpolitischen Anweisungen stieg allerdings im Laufe der Jahre sukzessive an. Rund die Hälfte der von Fiedler und Meyen untersuchten Argumentationsanweisungen hatte einen geografischen Bezug zur DDR. Der Rest bezog sich ausgewogen auf andere Länder. Selbst die UdSSR war nur in gut drei Prozent der Anweisungen Schauplatz des Interesses. Auffällig ist, dass sich laut dieser Inhaltsanalyse in der Ära Ulbricht 30,2 Prozent der Anweisungen auf die Bundesrepublik Deutschland bezogen, in der Honecker-Ära lediglich nur noch 4,3 Prozent. Dem steht der Befund von Jürgen Wilke entgegen, wonach ein Fünftel der in den „Donnerstag-Argus“ 1982 bis 1989 zur Sprache gekommenen Akteure der Bundesrepublik Deutschland zugerechnet werden konnte, die damit – nach den Akteuren der DDR mit einem Anteil von 37,8 Prozent – am zweithäufigsten vorkamen (mit 19,7 Prozent).[36]

Formen und Sprechakte

Presseanweisungen wurden auf den beschriebenen Verbreitungswegen in der DDR in unterschiedlichen Formen erlassen. Typisiert werden können sie anhand der in ihnen verwendeten Sprechakte. Der in der Pragmalinguistik etablierte Begriff „Sprechakt“ hebt darauf ab, dass sprachliche Äußerungen nicht nur Sachverhalte feststellen oder beschreiben – also „konstativ“ sind –, sondern auch Handlungen implizieren und damit auch „performative Äußerungen“ darstellen.[37] Die im Folgenden genannten Beispiele beschränken sich auf die „Donnerstag-Argus“. Die gleichen Typen sind aber auch in den Fernschreiben/Telegrammen anzutreffen, wenngleich dort häufig Bitten geäußert wurden.

Auf die Veröffentlichung von Themen und Sachverhalten wurde in doppelter Richtung Einfluss genommen. Einerseits wurden Meldungen strikt untersagt:

Publikationsverbot

„Nichts über Kernkraftwerke […].“[38]

„Nicht über Wohnungen berichten, die in Kinderkrippen verwandelt werden.“[39]

„Keine Propaganda für Tiefkühltruhen. Führt alles zur Erhöhung des ohnehin hohen Verbrauchs in der DDR.“[40]

„Kein öffentliches Thema: Probleme bei der Eisenbahn mit Betonschwellen, die alle ausgewechselt werden müssen: international! Kein Thema, aber wissen müssen wir es! Bahn ohnehin kompliziert, nun auch noch das!“[41]

„Pakistan ist für uns kein Gegenstand. Vom Zwischenlandeplatz Karatschi hängt zu viel für uns ab!“[42]

Auf der anderen Seite wurden Journalisten zu einer erwünschten Berichterstattung zu folgenden Themen angehalten:

Publikationsgebot

„Also Beispiele zeigen, wie man es trotz großer Schwierigkeiten schafft […].“[43]

„Alles bringen, was aus Kuba kommt, Kubaner sind unmittelbar am Ball.“[44]

In ähnlicher Abstufung wurden auch Vorgaben für die Kommentierung gemacht:

Kommentierungsverbot

„Die ‚Grünen' und ihre Politik nicht kommentieren oder werten. Zunächst abwarten, was sich da entwickelt und was die Wahlen bringen.“[45]

„Zur Wahl von Reagan striktes Verbot der Kommentierung. Den Mann kommen lassen, dann werden wir sehen.“[46]

„Kein Kommentar [zum 35. Jahrestag Potsdamer Abkommen]. Wir wären gezwungen, die BRD zu Kleinholz zu hacken, was gegenwärtig nicht opportun ist.“[47]

„Kein Kommentar zum 13. August!“[48]

Eingeschränkte Kommentierung/Wunsch auf Kommentierungsverzicht

„Wir möchten Euch bitten, das ist die höfliche Formulierung einer Anweisung – von jeder eigenen Stellungnahme, jeder Kommentierung abzusehen. Nichts darf bis auf weiteres veröffentlicht werden, dem wir nicht zugestimmt haben. Keinerlei Eigeninitiative!“[49]

Kommentierungsgebot

„Den Leitartikel, der in den nächsten Tagen im ‚ND' erscheint, sollen die Zeitungen als Grundlage für eine eigene Kommentierung nutzen.“[50]

Über die Publikation oder Kommentierung hinaus konnte zudem die Tendenz der Veröffentlichung vorgeschrieben werden:

Tendenzanweisung

„Bei Behandlung außenpolitischer Themen halten wir uns streng an die Grundlagen unserer Außenpolitik.“[51]

„Nichts Demobilisierendes, zu Pessimismus Anregendes publizieren – Vertrauen in die eigene Kraft! Manchmal Fehler in den Medien.“[52]

„Auf keinen Fall Halleluja-Berichterstattung. Wenn möglich, Schwierigkeiten klug zeigen.“[53]

„Ökonomische Berichterstattung muß in allen Belangen strikt den ökonomischen Interessen der DDR untergeordnet werden. Prüfstein für alle Veröffentlichungen ist die Frage, was dient den Interessen unseres Landes, was dient der Politik der Hauptaufgabe.“[54]

„Es sei klar, daß jede Rezension eine subjektive Meinung darstelle. Aber selbstverständlich seien dort Grenzen gesetzt, wo es zu einem Subjektivismus kommt, der in Widerspruch zu unseren politischen Auffassungen gerät.“[55]

„Nicht darauf verzichten, die Klassiker, das ‚Kapital' von Marx und Lenins Werk über den Imperialismus zu Rate ziehen und zitieren.“[56]

Gelegentlich wurde auch der Sprachgebrauch vorgegeben:

Sprachregelung

„Keinen Fehler machen. Immer von den [Olympischen] Spielen in Moskau sprechen, nicht in der UdSSR.“[57]

„Nicht mehr von Altbausubstanz reden, sondern von der Modernisierung, von der Rekonstruktion vorhandenen Wohnraums.“[58]

Die Platzierung von Artikeln und deren Aufmachung konnten ebenfalls vorgeschrieben werden. Entsprechende Anweisungen zu tendenzieller Über- bzw. Untertreibung waren üblich:

Aufmachungsanweisung

„Die generelle Schlußfolgerung muß darin bestehen, die Dinge entsprechend unserer an sich bekannten Auffassung zu placieren.“[59]

In anderen Fällen wurde den Journalisten aufgetragen, sich an eine amtliche Verlautbarung oder ADN-Meldung zu halten und Sperrfristen zu beachten:

Autorisierung/Abstimmung

„Alle kommentierenden Beiträge, die unser Verhältnis zur BRD betreffen nur nach vorheriger Abstimmung mit der Agitation ins Blatt.“[60]

„Die Vorhaben der Redaktion [zum 20. Jahrestag des Berliner Mauerbaus] sollen bis 15. Juni in einem kurzen Plan der Abt. Agitation mitgeteilt werden.“[61]

Sperrfrist

„Losungen zum 1. Mai wurden beschlossen. Veröffentlichung ist vorgesehen für den 6.4.82.“[62]

Die Arbeit der Journalisten wurde auf den „Donnerstag-Argus“ auch direkt bewertet, und zwar in zweierlei Form:

Rüge

„Artikel Wochenpost über Marzahn falsche Grundrichtung.“[63]

„Es gibt Erscheinungen des Umgehens von ADN, des Verwendens von nichtautorisierten Nachrichtenquellen […].“[64]

„Sehr scharf wurde ‚der Sonntag' kritisiert wegen der Veröffentlichung des Beitrags ‚wie alternativ sind die Alternativen?' Dieser Artikel enthält grundsätzliche politische Fehler.“[65]

„Vor allem die Redaktionen, die vorübergehend aus dem Tritt geraten sind, sollten sich ausführlich mit den Vorkommnissen beschäftigen und wieder ihr richtiges Ziel ins Auge fassen.“[66]

„Den politischen Kalender im Auge behalten. Nochmals der Hinweis, daß niemand den 20. Juli beachtet hat.“[67]

Lob

„Dank an die Medien für die gute Berichterstattung ‚Woche der Waffenbrüderschaft'.“[68]

„Genosse Geggel sprach den Medien für die publizistische Arbeit zum 13. August seine generelle Anerkennung aus.“[69]

„Hochwasserberichterstattung in den Medien war sehr gut; auch die Vorab-Berichte; so konnten sich die Menschen drauf einstellen.“[70]

Insbesondere ging es auf den „Donnerstag-Argus“ um die Wortberichterstattung, vereinzelt aber auch um die Relevanz von Pressefotografien:

Optische Anweisungen

„70. Geburtstag Honeckers. 25.8. Grußadresse, Protokoll, Bild, daneben Auszeichnung, Seite 3: Bilder aus dem Leben (ADN gibt dafür Bildmaterial).“[71]

Anhand der Mitschriften von Ginolas hat Jürgen Wilke in einer Inhaltsanalyse untersucht, wie häufig die bisher genannten Arten und Formen von Presseanweisungen in den „Donnerstag-Argus“ vorkamen.

Arten von Presseanweisungen in den „Donnerstag-Argus“ (1982-1989), n=1603

Am häufigsten waren in den „Donnerstag-Argus“ die Tendenzanweisungen. In beinahe jeder vierten Anweisung gab es eine solche inhaltliche Vorgabe. Publikationsgebote wurden mit jeder zehnten Anweisung erteilt und kamen damit doppelt so oft vor wie Publikationsverbote. Auch die Kommentierung wurde häufiger angeordnet als untersagt. Allerdings gab es zusätzliche Hinweise für die eingeschränkte Kommentierung. Auch Aufmachungsanweisungen waren nach wie vor relativ häufig sowie Vorschriften zur Platzierung der Artikel. Dabei kamen positive Aufmachungsanweisungen (also ein Hochspielen) öfter vor als negative Weisungen (Herunterspielen). Von Autorisierungen und Sperrfristen wurde in unterschiedlichem, aber eher geringem Maß Gebrauch gemacht. Selten waren dies direkt ausgesprochene Sprachregelungen.

In der DDR kamen im Prinzip die gleichen Formen von Presseanweisungen vor wie schon im Dritten Reich.[72] Allerdings gab es Unterschiede in der Häufigkeit des Gebrauchs. Dies liegt vor allem darin begründet, dass sich das mediale Umfeld in beiden Diktaturen unterschied: Während es die Nationalsozialisten noch zum Teil mit einer unabhängigen „bürgerlichen“ Presse zu tun hatten, die sie „auf Linie“ bringen wollten, gab es eine solche Presse in der DDR von Anfang an nicht (mehr). Man hatte es nur noch mit den eigenen Parteizeitungen zu tun und allenfalls mit den Blättern der Blockparteien. So waren seltener Verbote nötig, und man beschränkte sich häufig auf Bitten und Empfehlungen.

Wirkungen und Bewertung der Presseanweisungen

Das Urteil über die Wirkungen der Presseanweisungen und ihre Bewertung fallen bei den Betroffenen unterschiedlich aus. Dass mit den Anweisungen systematisch daran gearbeitet wurde, die Medien ideologisch zu formen, ist unstrittig. Allerdings neigen die ehemaligen Funktionäre dazu, ihnen nachträglich Positives abzugewinnen. Dies ist etwa bei Hans Modrow der Fall. Man habe „den Journalisten helfen [wollen], einen besseren Einblick zu bekommen“.[73] Der Presse seien „neue Zugänge“[74] und „Spielräume“[75] geöffnet worden. Da die Journalisten vielfach nicht wussten, was sich wirklich hinter den Kulissen der Macht abspielte, hätten die amtlichen Mitteilungen „einen sicherer gemacht“.[76]

Dass angesichts des ständigen Lavierens der politischen Führung das Anweisungssystem so etwas wie Unsicherheit reduzierte, bestätigen auch die Journalisten. Aber ihre Reaktionen fallen im Nachhinein ganz unterschiedlich aus und schwanken stark in ihren Aussagen. So gab es bedingungslose Befürworter und wiederum andere, die von Wut sprechen und „einer geballten Faust in der Tasche“. Zu den Pressebesprechungen zitiert zu werden, war gefürchtet. Groß war die Angst, etwas falsch zu machen. Angeblich brüskierte und empörte man sich über die Anleitung im Kollegenkreis (aber nur unter vier Augen) – befolgt sie aber dennoch. Viele Journalisten reagierten schon präventiv auf die Anweisungen, da sich bei ihnen bereits ein Gefühl für die Grenzen und das (Nicht-)Erlaubte herausgebildet hatte, gleichsam ein „Detektorsinn“[77] und ein Wissen darum, „wo die Schere anzusetzen ist“.[78]

In den Interviews wird aber auch deutlich, dass die Journalisten in der DDR gewisse „Spielräume“ und „Nischen“ für sich in Anspruch genommen haben. Streng waren demzufolge die Vorgaben für die Ressorts Politik und Wirtschaft, für das „Neue Deutschland“ und die SED-Blätter sowie allgemein für die vorderen Zeitungsseiten stärker als für die hinteren. Mehr Spielraum herrschte angeblich im Bereich Sport und Kultur, bei dem FDJ-Organ „Junge Welt“ und der LDPD-Zeitung „Der Morgen“ sowie im Fernsehmagazin „Prisma“. Zudem belegen Aussagen von Journalisten, dass es, verglichen mit der Ära Walter Ulbricht, unter Erich Honecker in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer Verschärfung des Anweisungssystems kam, wofür neben dem Generalsekretär der SED selbst vor allem Joachim Herrmann, der Agitationssekretär der Partei, verantwortlich gemacht wird.

Um den tatsächlichen Einfluss der Presseanweisungen auf die Medien in der DDR zu bestimmen, ist es jedoch unumgänglich, deren Berichterstattung spezifisch unter die Lupe zu nehmen. Dazu sind aber noch weitere Untersuchungen notwendig.

Anmerkungen

  1. Vgl. Jürgen Wilke, Medialisierung der Politik? Reichskanzler von Bülow als Vorläufer, in: Klaus Arnold/Christoph Classen/Susanne Kinnebrock/Edgar Lersch/Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.), Von der Politisierung der Medien zur Medialisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeiten und Politik im 20. Jahrhundert, Leipzig 2010, S. 97-118.
  2. Vgl. Jürgen Wilke, Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg – Drittes Reich – DDR, Köln 2007, S. 16ff.
  3. Ebd., S. 115ff.
  4. Die NS-Presseanweisungen waren in der DDR bekannt und wurden „entlarvt“, obwohl Gleichartiges im Land selbst praktiziert wurde. Vgl. Heinz Odermann, Die vertraulichen Presseanweisungen aus den Konferenzen des Nazi-Propagandaministeriums, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 13 (1965), S. 1365-1377.
  5. Zit. nach Peter Strunk, Zensur und Zensoren. Medienkontrolle und Propagandapolitik unter sowjetischer Besatzungsherrschaft in Deutschland, Berlin 1996, S. 94.
  6. Ebd., S. 99.
  7. Ebd., S. 109.
  8. Ebd., S. 154.
  9. Vgl. zum Folgenden Peter Ludes (Hrsg.), DDR-Fernsehen intern. Von der Honecker-Ära bis „Deutschland einig Fernsehland“, Berlin 1990, S. 202ff.; Franca Wolff, Glasnost erst kurz vor Sendeschluss. Die letzten Jahre des DDR-Fernsehens (1985-1989/90), Köln 2002; Michael Meyen/Anke Fiedler, Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR, Berlin 2011.
  10. Vgl. Anke Fiedler/Michael Meyen, „Nichts tun, was unseren Interessen schadet!“ Eine Inhaltsanalyse der Argumentationsanweisungen der Abteilung Agitation (1960-1989), in: Deutschland-Archiv 43 (2010), S. 1034-1042.
  11. Vgl. Gunter Holzweißig, Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR, Köln 2002, S. 10ff.
  12. Vgl. Jost-Arend Bösenberg, Die Aktuelle Kamera. Nachrichten aus einem versunkenen Land, Berlin 2008.
  13. Vgl. Katrin Bobsin, Das Presseamt beim Ministerrat der DDR. Strukturen, Arbeitsweisen und Funktionen im Mediensystem. Hochschulschrift, Mainz 2008.
  14. Vgl. hierzu Meyen/Fiedler, Die Grenze im Kopf.
  15. Vgl. als Quelle dazu Helmut Müller-Enbergs/Jan Wielgohs/Dieter Hoffmann/Andreas Herbst/Ingrid Kirschey-Feix/Olaf W. Reimann (Hrsg.), Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 2 Bde., Berlin 2010.
  16. 9.2.1984, Bestände der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (BArch-SAPMO) DY 30-IV 2/2.040/16, 30.
  17. BArch-SAPMO DY 30.
  18. BArch-SAPMO DC 9.
  19. Vgl. Ulrich Bürger, Das sagen wir natürlich so nicht! Donnerstag-Argus bei Herrn Geggel, Berlin 1990.
  20. Im Vergleich zu den im „Nachlass“ von Schabowski aufgetauchten Protokollen lässt sich die Verlässlichkeit von Ginolas Mitschriften jetzt prüfen.
  21. BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/1-17.
  22. BArch-SAPMO DY 30/25734-25736.
  23. Vgl. Ludes, DDR-Fernsehen intern; Stefan Pannen, Die Weiterleiter. Funktionen und Selbstverständnis ostdeutscher Journalisten, Köln 1992; Meyen/Fiedler, Die Grenze im Kopf.
  24. 24.9.1956, BArch-SAPMO DY 30/IV 2/9.02/67.
  25. BArch-SAPMO DY 30/IV 2/9.02/67.
  26. BArch-SAPMO DY 30/IV A 2/9.02/6.
  27. BArch-SAPMO DY 30/IV A 2/9.02/105.
  28. BArch-SAPMO DY 30/IV A 2/9.02/45.
  29. BArch-SAPMO DY 30/IV A 2./02/45-57.
  30. BArch-SAPMO DY 30/IV A 2/9.02/48.
  31. BArch-SAPMO DC 9.
  32. Meyen/Fiedler, Die Grenze im Kopf, S. 41.
  33. Ebd., S. 35.
  34. 30.6.1983, BArch-SAPMO DY 30 IV 2/2.040./14.
  35. Vgl. Fiedler/Meyen, „Nichts tun, was unseren Interessen schadet!“, S. 1034-1042. Allerdings ist bei der Grundgesamtheit nicht eindeutig, wie die Anweisungen in den verschiedenen zugrunde liegenden Quellen abgegrenzt wurden.
  36. Vgl. Wilke, Presseanweisungen, S. 297.
  37. Vgl. ebd., S. 7-11.
  38. 9.1.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040./1, 9.
  39. 18.3.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040./9, 111.
  40. 27.10.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040./11, 36.
  41. 9.6.1983, Bürger, „Das sagen wir natürlich so nicht!“, S. 178.
  42. Ebd.
  43. 25.3.1982, Bürger, „Das sagen wir natürlich so nicht!“, S. 33.
  44. Ebd.
  45. 17.1.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/1, 17.
  46. 6.11.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/4, 91.
  47. 24.7.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/3, 54.
  48. 9.8.1984, Bürger, „Das sagen wir natürlich so nicht!“, S. 104.
  49. 10.5.1984, ebd., S. 101.
  50. 3.9.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/4, 123.
  51. 18.11.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/12, 73.
  52. 9.6.1983, Bürger, „Das sagen wir natürlich so nicht!“, S. 73.
  53. 29.2.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/1, 77.
  54. 27.8.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/7, 92.
  55. 5.8.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/11, 47.
  56. 2.4.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/2, 13.
  57. 23.1.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/1, 23.
  58. 23.5.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/2, 67.
  59. 24.2.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/9, 71.
  60. 23.4.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/6, 31.
  61. 28.5.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/6, 77.
  62. 25.3.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/9, 120.
  63. 25.2.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/9, 76.
  64. 2.4.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/2, 17f.
  65. 3.9.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/7, 123.
  66. 9.2.1984, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/16, 31.
  67. 11.8.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/11, 60.
  68. 27.3.1980, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/1, 108.
  69. 13.8.1981, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/7, 60.
  70. 7.4.1988, Bürger, „Das sagen wir natürlich so nicht!“, S. 209.
  71. 19.8.1982, BArch-SAPMO DY 30-IV 2/2.040/11, 83.
  72. Vgl. Wilke, Presseanweisungen.
  73. Meyen/Fiedler, Die Grenze im Kopf, S. 39.
  74. Ebd., S. 43.
  75. Ebd., S. 47.
  76. Ebd., S. 45.
  77. Ebd., S. 95.
  78. Ebd., S. 63.
Pressekonferenz in Berlin am 10.10.1985. Foto: Erich Zühlsdorf.
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