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Diktatorische Herrschaft als kommunikative Praxis Version 1.0 Ralph Jessen
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Sammlungen: Abteilung Agitation
Artikel: Ralph Jessen Diktatorische Herrschaft als kommunikative Praxis. Überlegungen zum Zusammenhang von „Bürokratie“ und Sprachnormierung in der DDR-Geschichte (01.06.11) Fabian Kuhn Das Wörterbuch der sozialistischen Journalistik (15.07.14) Jürgen Wilke Presseanweisungen. Organisation, Themen, Akteure, Sprechakte (23.05.11) Peter Strunk Sicherheit ging vor. Aufbau und Kontrolle der deutschen Presse unter sowjetischer Besatzung (18.05.11)
Hauptfoto: File:SED-Parteitagswerbung 1950.jpg
Werbeplakat für den 3. Parteitag der SED 1950. Foto: Rössing. Quelle: Deutsche Fotothek.
Diktatorische Herrschaft als kommunikative Praxis. Überlegungen zum Zusammenhang von „Bürokratie“ und Sprachnormierung in der DDR-Geschichte
von: Ralph Jessen veröffentlicht: 01.06.2011

„... – auch der Information wegen.“[1]

Im Spätsommer des Jahres 1970 ging der Abteilung Wissenschaften des Zentralkomitees der SED eine Vorlage des Hochschulministeriums zu, die den zuständigen ZK-Referenten verzweifeln ließ. „Das ist nicht mehr verständlich. Das sind einfach Phrasen“, notierte er auf Blatt neun des Elaborats, um am Ende, nach 27 ermüdenden Seiten, seinem Unmut in einem sprachkritischen Stakkato Luft zu machen: „allgemein, unübersichtlich, unverbindlich, verworren [...] – viele Wiederholungen und Überschneidungen – keine übersichtliche klare Linie – miserables Deutsch“ – so lautete sein vernichtendes Urteil.[2] Jeder Historiker, der heute vor der Aufgabe steht, aus der papierenen Hinterlassenschaft der SED-Diktatur deren Geschichte zu rekonstruieren, verspürt wahrscheinlich an jedem Archivtag wenigstens einmal den Drang, in diesen Stoßseufzer einzustimmen. Je älter die DDR wurde, so hat es den Anschein, desto gehaltloser wurden ihre Akten. Die Berichte quollen auf, aber ihr Inhalt geriet immer dürftiger. Denn selbstverständlich blieben die sprachkritischen Marginalien des gequälten Referenten wie alle anderen sprachpflegerischen Bemühungen in der DDR ohne Konsequenzen.

Die Besonderheiten der Schriftsprache von SED- und Staatsverwaltung stellen Historikerinnen und Historiker aber nicht nur vor quellenkritische Probleme, sondern sie eröffnen ihnen auch einen Zugang zu strukturellen Eigenarten des Herrschaftssystems und zur kommunikativen Praxis zwischen Herrschenden und Beherrschten. Auch wenn bei den folgenden Annäherungen an dieses Problem die Ergebnisse linguistischer Forschungen genutzt werden, verfolgt dieser Beitrag keine sprachwissenschaftlichen Interessen im engeren Sinne.[3] Das Augenmerk ist auf die Strukturen des Herrschaftsapparats und die Handlungen der Personen gerichtet, die mit ihm in Beziehung standen. Sprache ist einerseits das Medium, in dem sich Herrschaftsverhältnisse ausdrücken, über das Herrschaft meist vor jedem unmittelbaren Zwang ausgeübt und vor allem legitimiert wird.[4] Andererseits ist Sprache „selbst eine sozialhistorische Tatsache“.[5] Man muss nicht bei den Aporien des Poststrukturalismus enden, wenn man feststellt, dass die Welt des SED-Sozialismus, wie jede Gesellschaft, zum Gutteil auch sprachlich verfasst war.[6] Dabei soll es hier weniger um die Schlüsselstellung des ideologischen „Diskurses“ in Gestalt des kanonisierten Marxismus-Leninismus für die Begründung und Rechtfertigung des SED-Regimes wie auch für die Strukturierung seiner Umweltwahrnehmung gehen.[7] Ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, war für die Alltagsrealität des Regimes die Sprache der Berichte, Reden und Zeitungsartikel, die Art, wie sich unter- und übergeordnete Stellen verständigten, kurz: das Vokabular und der Stil der offiziellen Sprache im täglichen Geschäftsverkehr. Welche Informationen von wem angefordert, wie diese präsentiert und interpretiert wurden, wie Anordnungen ergingen und wie Handelnde sprachlich kenntlich gemacht wurden, welches Vokabular zur Bezeichnung sozialer Sachverhalte zur Verfügung stand und wie Ideologie und „Realität“ ins Verhältnis gesetzt wurden – in diesen und vielen anderen sprachlichen Handlungen wurde Herrschaft zu kommunikativer Praxis.

Die sprachliche Praxis in der DDR war zwei gegenläufigen und doch eng zusammenhängenden Einflüssen ausgesetzt: Einerseits unterlag sie dem mächtigen Formierungsdruck einer mit totalem und alleingültigem Welterklärungs- und Weltgestaltungsanspruch auftretenden Ideologie. Die westdeutsche Sprachwissenschaft hat diese „totalitäre“ Sprachformung vor allem in den 1950er- und 60er-Jahren in materialreichen Untersuchungen immer wieder zum Thema gemacht. Von den damals entstandenen wortgeschichtlichen Studien und Wörtersammlungen kann die historische DDR-Forschung heute profitieren, auch wenn sie deren totalitarismustheoretische Interpretation besser nicht übernehmen sollte.[8] Denn selbst wenn man den totalitären Anspruch des Regimes wie Andrzej Madela mit einem „Drehbuch“ vergleichen wollte, in dem „genaueste Verhaltensanweisungen und Sprachregelungen selbst für den unbedeutendsten Akteur vorgesehen sind“, so sagt dies noch nichts über dessen Realisierung.[9] Der fertige „Film“, die Geschichte einer ganzen Gesellschaft in der Diktatur, zeigt überall die Spuren verbliebenen „Eigensinns“ bedeutender und unbedeutender Akteure.

Damit ist der andere zu berücksichtigende Faktor angesprochen. Die totalitäre Formierung der Sprache hatte offenkundig Grenzen. Sie drang kaum in die mündliche Alltagskommunikation vor, schon gar nicht in die Gespräche im privaten Kreis. Jugendsprache, Dialekt und die Sprache der Literatur blieben weitgehend unbeeinflusst. Diese Grenzen sind von der westdeutschen Sprachwissenschaft in deutlicher Absetzung von ihren totalitarismustheoretischen Anfängen vor allem in den 1970-er und 80er-Jahren hervorgehoben worden.[10] Aber nicht nur sprachliche „Nischen“ begrenzten das totalitäre Projekt. Noch bedeutender waren vielleicht die unbeabsichtigten Folgen der Sprachregelung in der Diktatur, die den ursprünglichen Zwecken zuwiderliefen und diese sogar gefährden mochten. Peter Christian Ludz hat 1980 herausgestellt, wie sehr der Monopolanspruch der Ideologiesprache die Innovationschancen vor allem der Sozialwissenschaften und damit auch die Anpassungs- und Problemlösungsfähigkeit des Systems einschränkte.[11] Ein genauerer Blick auf die Verwaltungs- und Parteisprache in der Alltagspraxis lässt vermuten, dass ihre Besonderheiten und Skurrilitäten weniger das Resultat direkter Sprachlenkung als vielmehr eines ungeplanten und unreflektierten Wechselspiels zwischen „oben“ und „unten“ im zentralistischen Apparat waren, wodurch dessen Handlungsmöglichkeiten nicht unmaßgeblich beeinflusst und zum Teil empfindlich beschnitten wurden.

Dieser Beitrag versucht sich diesem Problem mit einigen vorläufigen Überlegungen zu nähern. Einer kurzen Übersicht über Eigentümlichkeiten der offiziellen Sprache in der DDR folgt ein Interpretationsversuch, der – angeregt durch Thesen der Leipziger Linguistin Ulla Fix – die Stereotypen der offiziellen Kommunikation als rituelles Handeln deutet.[12] Daran anknüpfend wird danach gefragt, wieweit und warum die Strukturen des SED-Herrschaftsapparates einen bestimmten „kommunikativen Stil“ begünstigten, der die Aktensprache prägte und der seinerseits Rückwirkungen auf die Formen von Herrschaft und Herrschaftserfahrung hatte.[13]

Die offizielle Sprache – einige Merkmale

Als die Archive von Staat und Partei endlich zugänglich waren, war der erste Blick in die Akten für manchen westlichen Leser mit Überraschung und vielleicht auch Enttäuschung verbunden. Weil bis dahin jedes interne Schriftstück von der Aura des Staatsgeheimnisses umgeben war, lag die Erwartung nahe, intern hätte man schnörkellos zur Sache geredet. Mochte das Propagandagetöse der Medien zur Manipulation der Bevölkerung und des „Gegners“ dienen – intern wird man doch wohl „Klartext“ gesprochen haben. Wer also geglaubt hatte, jetzt werde das SED-Regime unverhüllt sichtbar, musste irritiert feststellen, dass die internen Berichte in einer Sprache verfasst waren, die man schon aus dem „Neuen Deutschland“ kannte. Die Besonderheiten in Wortwahl und Stil, welche die veröffentlichte Sprache so durch und durch imprägniert hatten, waren keine taktisch-manipulativen Oberflächenphänomene, sondern feste Bestandteile der offiziellen Schriftsprache, in der sich das SED-Regime auch selbst verwaltete. Diese Besonderheiten in Lexik und Stil sind mehrfach beschrieben worden.[14] Zu ihnen zählen unter anderem:

Ideologische Begrifflichkeit

Angereichert durch spezifische Wendungen der jeweiligen Fachverwaltung findet sich auch in den internen Akten der Einzelressorts die bekannte politisch-ideologische Terminologie – etwa die wechselnden, aber jeweilig verbindlichen Schlüssel- und „Fahnenwörter“ aus der Rhetorik der SED. Die „antifaschistisch-demokratische Ordnung“, der „Aufbau des Sozialismus“, die „Schaffung der Grundlagen des Sozialismus“ etc. wurden auch im internen Schriftverkehr zu Zielvorgaben des Verwaltungshandelns. „Arbeiter-und-Bauern-Kader“ sollten zur Rekrutierung einer „sozialistischen Intelligenz“ herangezogen werden, und die SED wurde auch (und gerade) im internen Sprachgebrauch zu „der“ Partei. Die Bewegungs- und Kampfmetaphorik der SED-Sprache – vom Verweis auf die „objektiven Entwicklungstendenzen der Gesellschaft“ bis zum „Kampfprogramm“ zur Sicherung der Planziele – ist hier ebenso präsent wie selbstverständlich die Neologismen, die die neuen politischen Institutionen beschreiben. Man könnte lange Beispielreihen zur Lexik in der staatlichen Verwaltung zusammenstellen – ihr Ergebnis wäre vermutlich, dass der politisch-ideologische Wortschatz hier ebenso selbstverständlich verwendet wurde wie in den SED-kontrollierten Medien und in der Monopolpartei selbst.[15]

Typische Stilformen

Die geschriebene Sprache offizieller Institutionen der DDR wies mit hoher Regelmäßigkeit bestimmte Stilelemente auf, durch die die Herkunft des Schriftstücks fast ebenso leicht zu bestimmen ist wie durch das benutzte Vokabular. Auffällig sind die Tendenz zur Nominalisierung („Ausführung“, „Durchführung“, „Verwirklichung“) und die Vorherrschaft von Passivkonstruktionen. Einzelne Mitwirkende und Verantwortliche blieben oft unbenannt, und der Handlungscharakter eines Vorgangs verschwand sprachlich hinter einer scheinbaren Sachgesetzlichkeit. Komparativische Konstruktionen waren weit verbreitet. Vor allem in Kombination mit dem notorischen „noch“ („noch schnellere Entwicklung“, „noch bessere Verwirklichung der Beschlüsse des SED-Parteitages“) mischten sich immer wieder Ist- und Sollaussagen mit suggestiv positiver Tendenz, da in solchen Formulierungen ein bereits positiver Zustand in Beziehung zu einem wünschenswerten, „noch besseren“ zukünftigen Zustand gesetzt wurde. Die Verwendung verstärkender Wörter („vollständig“, „exakt“, „ganz“, „allumfassend“) bei gleichzeitigem Mangel an relativierenden oder abschwächenden Wendungen („ungefähr“, „vielleicht“, „etwa“, „wahrscheinlich“) erweckte den Anschein zweifelsfreier, eindeutiger Verhältnisse, in denen sich „gesetzlich“ vorherbestimmte Prozesse vollzogen.[16] Diese scheinbare Eindeutigkeit kontrastierte mit den zahlreichen Leerformeln und Begriffshülsen („objektive Entwicklungstendenzen“, „ideologische Festigung und Erziehung“, „weitere Vervollkommnung“).[17] Sie ließen in ihrer phrasenhaften Unbestimmtheit jede beliebige Auffüllung nach wechselnden Parteilinien zu, konnten aber ebenso gut als völlig unbestimmte Versatzstücke standardisierter Argumentation dienen. Zu den durchgängigen Stilelementen der Schriftsprache gehörten schließlich Euphemismen jeder Art, deren auffälligste Untergruppe die Formulierungen sind, die auch im internen Schriftverkehr dazu dienten, Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern (also Wendungen wie „anleiten“, „empfehlen“, „Hinweis“, „Beispiel geben“, „Meinungsaustausch“, „einschätzen“, „orientieren auf“, „Aussprache führen“ und „Zielstellung“). Der offizielle Sprachstil verband so die Suggestion von Stabilität und totaler Kontrolle[18] mit einer eigentümlichen Entsubjektivierung, die den Handlungscharakter der Entscheidungen und Anordnungen verdeckte, sowie mit einer Tendenz zur „Bedeutungsleere“ oft gerade dann, wenn die Handlungsziele beschrieben wurden.[19]

Entdifferenzierung von Sprachebenen[20]

Die Dauerpräsenz der politisch-ideologischen Parteisprache in allen Verwaltungsvorgängen deutet auf die Durchmischung unterschiedlicher Sprachebenen hin, die unter anderen Bedingungen bis zu einem gewissen Grade getrennt werden. Man kann nicht mehr von einer ausgeprägten „Institutionensprache“ der Fachverwaltungen sprechen, die sich von der politischen „Meinungssprache“ absetzen ließe wie etwa die juristische Fachsprache in der traditionellen deutschen Bürokratie.[21] Beide gingen vielmehr dauernd ineinander über: Die politische Terminologie floss umstandslos in die Verwaltungssprache ein, und Elemente der Fachterminologie trugen dazu bei, dass in den Medien nicht selten eine technizistische Überpräzision in Einzelfragen gepflegt wurde.[22] Eine Vermischung unterschiedlicher Sprachebenen ist auch daran zu erkennen, dass zwischen den Sprachhandlungen des Feststellens, Behauptens und Forderns oft keine Trennung vorgenommen wurde. Die „noch besser, schneller, umfassender“-Konstruktionen sind dafür ein gutes Beispiel.[23] Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Mischung aus informativen, imperativen und emotionalen Elementen zur politischen Sprache aller Systeme gehört,[24] ist diese sprachliche Entdifferenzierung auffällig. Dies galt auch dann noch, als sich in den 1960er-Jahren in der Verwaltungssprache die Bruchstücke des Kybernetik-Jargons häuften und man zum Beispiel in Planungspapieren der Hochschulbehörde plötzlich vom „Grobsollprojekt für das Teilsystem 8 A Internationale Hochschulbeziehungen“ lesen konnte.[25] Dies war weniger ein Zeichen gewachsener sprachlicher Eigenständigkeit als vielmehr eine weitere Bestätigung dafür, dass die Administration jedem Schwenk der politischen Mode bereitwillig folgte.[26] Sprachliche Entdifferenzierung ist auch daran ablesbar, dass es kaum gelingt, die je nach ihrer Funktion und der spezifischen Beziehung zwischen Sprecher und Adressaten variierenden Stile der politischen Sprache westlicher Systeme in der Sprache von Politik und Verwaltung in der DDR wiederzufinden. So hat etwa die von Murry Edelman vorgenommene Unterteilung in appellierende, juristische, befehlende und verhandelnde Sprachstile in der politisch-administrativen Sprache der DDR keine Entsprechung.[27]

Offizielle Sprache und „Alltagssprache“

Die Entdifferenzierung der offiziellen Schriftsprache kontrastierte mit der Auseinanderentwicklung zwischen offizieller (geschriebener) und informeller (gesprochener) Sprache.[28] Linguistische Forschungen der 1970er- und 80er-Jahre haben die begrenzte Reichweite politischer Sprachprägung betont und die Eigenständigkeit etwa der Jugend- und Alltagssprache hervorgehoben.[29] Die Probleme, die sich hieraus für eine historische Beschreibung und Analyse des SED-Herrschaftssystems ergeben, seien hier nur in einigen kurzen Hinweisen angedeutet: Die totalitarismustheoretische Vermutung, dass eine formierte und verbindliche Sprache den Bürgern der DDR letztlich die Chance autonomer Erkenntnis und Urteilsbildung genommen hätte, da kein alternatives Vokabular zur Verfügung stand, geht sicher in die Irre.[30] Dies war schon angesichts des Dauereinflusses westdeutscher Medien kaum zu erwarten. Wieweit man allerdings aus dem Unterschied zwischen offizieller und inoffizieller Sprache auf kulturelle „Resistenz“ oder gar „Widerstand“ schließen kann, bleibt eine offene Frage. Je selbstverständlicher den Menschen die Existenz in zwei sorgfältig gegeneinander abgedichteten Sprachregistern war, deren Grenze sich mit der Trennungslinie zwischen offiziell und informell deckte, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Selbstwahrnehmung (und Erinnerung) scharf mit dem kontrastiert, was Außenbeobachter bzw. Historiker aufgrund der schriftlichen Quellen rekonstruieren. So verwundert es nicht, dass mancher ehemalige DDR-Bürger heute die offizielle Sprache als völlig irrelevant für den eigenen Sprachgebrauch bezeichnet.[31] Es ist zu vermuten, dass auch in den offiziellen Strukturen von Partei und Staat das „codeswitching“ zwischen dem formellen Jargon und der informellen Alltagssprache zumindest im kleineren Kreis selbstverständlich war. Dies ist schon deshalb wahrscheinlich, weil die Sprache der Akten, Berichte und Reden ohne schriftliche Vorlage kaum zu sprechen war. Diese Alltagskommunikation ist für die Beschreibung der konkreten Herrschaftspraxis ebenso wichtig wie schwer zu fassen; vor allem dann, wenn man sich nicht auf die bruchstückhafte und auswählende Erinnerung der beteiligten Zeitgenossen verlassen will.
Ein Grundproblem historischen Forschens, die Überlieferung nur der schriftlichen Quellen, tritt also im Falle diktatorischer Sprachregelung besonders gravierend in Erscheinung. Zwar lässt sich relativ gut feststellen, dass anders gesprochen als geschrieben wurde; welche Konsequenzen dies indes für die Ausübung wie die Erfahrung von Herrschaft hatte, bleibt ungewiss, weil mündliche Kommunikation kaum überliefert ist.

Die Formalisierung der offiziellen Sprache

Zu den gern karikierten Eigenheiten der Medien in der DDR gehörte die barock anmutende Sitte, Repräsentanten von Partei und Staat, Staatsbesucher etc. mit allen Titeln und Funktionen vorzustellen, so dass mancher Zeitungsartikel zum Gutteil aus zeremoniellen Einleitungspassagen bestand.[32] Diese Praxis war freilich nur der besonders augenfällige Auswuchs einer allgemeinen Tendenz zur Formalisierung und Ritualisierung aller offiziellen Texte. Kaum ein Schriftstück kam ohne den legitimationsstiftenden Verweis auf den letzten SED-Parteitag, das jüngste ZK-Plenum und die entsprechenden Reden von Ulbricht oder Honecker aus. Feste Substantiv-Adjektivkombinationen (wie „allseitige Stärkung“ und „zielstrebige Verwirklichung“) konnten nach dem Baukastenprinzip in fast jeden Text eingegliedert werden.[33] Vor allem die periodischen Lageberichte untergeordneter Instanzen an die Zentrale, aber auch andere Schriften wie etwa Begründungen für Verordnungsentwürfe oder zusammenfassende Sachberichte zu Einzelfragen weisen in der Regel einen nur gering modifizierten dramaturgischen Aufbau auf.[34] Ein einleitender Passus stellt den Bezug zu aktuellen Parteibeschlüssen bzw. Äußerungen der Parteiführung her, begründet damit die Relevanz des Gegenstands, legitimiert das Anliegen und dient gleichzeitig als Devotionsfloskel. Es folgt eine Passage, die die Aufgaben der jeweiligen Institution in Bezug auf diesen Parteibeschluss umreißt. Im nächsten Schritt werden die bisherigen Erfolge geschildert, oft unter Nennung einzelner Beispielfälle. Erst danach folgt der Berichtsteil, bei dessen Lektüre die Aufmerksamkeit des Aktenlesers gewöhnlich zunimmt, nämlich die mehr oder weniger verklausulierte Auflistung von Mängeln, Rückständen und Problemen, meist garniert mit zahlreichen „noch nicht“ und „noch weiter zu verbessern“ Phrasen. Abgerundet wird der Bericht durch eine Wunschliste (wie der „Maßnahmeplan“), in der der Berichterstatter alles aufzählt, was erforderlich ist, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen.

Der allgemeine Eindruck, der sich aus der Lektüre interner Berichte der staatlichen Verwaltung ergibt, geht dahin, dass vor allem die zahlreichen und recht dicht überlieferten periodischen „Informationsberichte“ der untergeordneten Instanzen einer Tendenz der Seiteninflation, der Inhaltsentleerung und der Formalisierung im eben skizzierten Sinne ausgesetzt waren.[35] Die Texte wirken durch zahlreiche Leerformeln, Tautologien und „abgegriffene Metaphern“ redundant.[36] Langatmige Wiederholungen immer gleicher Argumentationsketten und die sorgfältige Beachtung der gerade gängigen Floskeln lassen es gerechtfertigt erscheinen, von einem „Repetitions-“ und „Formalisierungskult“ zu sprechen.[37] Nicht der individuelle Stil, die persönlich Handschrift oder eine eigenwillige Rhetorik, sondern Konformismus bis in die Feinheiten der Formulierung hinein wurde prämiert. Dem entsprechen Beobachtungen aus anderen Kommunikationszusammenhängen. Mündliche Äußerungen, auch „Diskussionsbeiträge“ waren in der Regel schriftlich ausformuliert, da nur so der geforderten Formalisierung genüge getan werden konnte. Bezeichnenderweise setzten sich schon in den 1950er-Jahren Universitätslehrkräfte des gesellschaftlichen Grundstudiums dem Verdacht ungenügender „Wissenschaftlichkeit“ und Linientreue aus, wenn sie ihre Vorlesungen nicht wörtlich ausgearbeitet vom Blatt lasen.[38]

Mit der Beschreibung der Eigentümlichkeiten der offiziellen Sprache in der DDR ist noch
wenig über deren Ursachen, Funktionen und Konsequenzen gesagt. Im Folgenden wird versucht, zunächst aus einer mehr handlungsorientierten Sicht und dann aus einer stärker strukturgeschichtlichen Perspektive Verbindungslinien zwischen Sprachformen, Kommunikationsverhalten und Herrschaftsstrukturen zu ziehen. Mehr als vorsichtige Thesen sind angesichts des Forschungsstands nicht zu erwarten. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Interpretationsmöglichkeiten damit selbstverständlich nicht erschöpft sind. Vor allem begriffs- und ideologiegeschichtliche Fragen und Verfahren werden erforderlich sein, um die inhaltliche Dimension der politischen Sprache in der DDR kritisch zu erschließen.

Sprache und Ritual

Auf den rituellen Charakter der Sprachkonvention in der DDR und in anderen sozialistischen Ländern haben verschiedene Autoren hingewiesen. Herbert Marcuse beurteilte 1964 die „stalinistische und nachstalinistische Sprache“ als besonders prägnante Form einer „autoritäre(n) Ritualisierung der Rede“, in der er freilich kein Spezifikum der staatssozialistischen Diktaturen, sondern eine Grundtendenz der „autoritären Regime“ sah, die seiner Meinung nach in allen fortgeschrittenen Industriegesellschaften auf dem Vormarsch waren.[39] Eine Autorin verglich die „sprachlichen Rituale“ in der FDJ mit der Formelhaftigkeit von Briefstellern des 18. Jahrhunderts,[40] und auch in mehr essayistischen Äußerungen über die Sprache in der SED-Diktatur wird ihr ritueller Charakter herausgestrichen.[41] Von diesen eher beiläufigen Bemerkungen, die eine assoziative Verbindung zwischen der Sprache im Sozialismus und etwa den Praktiken religiöser Gemeinschaften anklingen lassen, ohne diesen Gedanken systematisch zu verfolgen, hebt sich die Arbeit der Leipziger Linguistin Ulla Fix ab, die der „rituellen Kommunikation im öffentlichen Sprachgebrauch der DDR“ nachgeht. Ihre Untersuchung von Reden, Grußformeln, Gelöbnistexten und Schulordnungen kommt unter anderem zu dem Resultat, dass der öffentliche Sprachgebrauch in der DDR durch rituelle Kommunikation geprägt wurde und dass sich der Sprachritualismus auf Textsorten ausdehnte, die andernorts keinen rituellen Charakter hatten.[42] An ihre Ergebnisse kann eine historische Untersuchung anknüpfen, die sprachliche Praxis in der Diktatur als Handlungsfeld interpretiert.

Obwohl man kaum von einem einheitlichen Ritual-Begriff sprechen kann, lassen sich doch einige Merkmale rituellen Handelns (und Sprechens) zusammenstellen.[43] Rituale zeichnen sich gewöhnlich durch Wiederholung, Stilisierung, Formalisierung, innere Ordnung und Institutionalisierung aus. Religiöse Rituale verweisen auf eine transzendentale Dimension, säkulare Rituale auf Ideologien.[44] In Arbeiten, die sich mit der Ritualisierung von Sprache befasst haben, wird außerdem hervorgehoben, dass es sich überwiegend um öffentliche, extern determinierte, rollenhafte Kommunikation mit geringem Informationsgehalt handelt, deren sprachliche Mittel stark standardisiert, schematisch und mit geringer Varianz eingesetzt werden.[45] In einer Zusammenstellung typischer Stilelemente ritueller politischer Texte nennt Ulla Fix unter anderem einen gehobenen Wortschatz, Schlagwörter und politische Termini, die Verwendung von Symbolen, Metaphern und verhüllenden Wörtern.[46] Schon ein flüchtiger Vergleich dieses Kriterienkatalogs mit den oben skizzierten Merkmalen politisch-administrativer Sprache lässt erkennen, dass die These vom rituellen Charakter weiter Teile der offiziellen Sprache in der DDR sehr plausibel ist. Man wird sogar vermuten können, dass dies für einen viel weiteren als den von Ulla Fix angeführten Bereich galt.[47] Es scheint, dass ein großer Teil auch der behördeninternen Routinekommunikation, wie etwa das periodische Berichtswesen untergeordneter Instanzen an die Zentrale, in starkem und wachsendem Maße ritualisiert war. Die Form verselbständigte sich bis zu einem gewissen Grade gegenüber dem Inhalt, so dass spätestens seit den 1970er-Jahren ein „Wildwuchs an Doppelzüngigkeit, Heuchelei, Machtmissbrauch und organisierter Unehrlichkeit auf eigentlich allen Ebenen des Berichts(un)wesens“ herrschte.[48]

Auch wenn empirische Studien ausstehen, kann man vermuten, dass die rituelle Überformung großer Teile der internen und externen Kommunikation die Handlungsmöglichkeiten der SED empfindlich beschnitt – zumal keine freie Öffentlichkeit korrigierend wirken konnte. Ich möchte dieses Problem hier nicht weiter verfolgen, sondern mich auf die Frage nach der inneren Logik des Sprach- und Berichtsritualismus konzentrieren, die man nur dann beantworten kann, wenn man seiner Sinnhaftigkeit und Funktion für Herrschaftsträger und Herrschaftsunterworfene nachgeht; Herrschaft als kommunikative Praxis ist auch in der Diktatur ein Interaktionsphänomen, das sich nicht auf die schlichte Mechanik von Befehl und Gehorsam reduzieren lässt.

Aus der Perspektive der herrschenden Partei erwiesen sich Rituale vor allem unter drei Gesichtspunkten als zweckdienlich: Sie vermittelten Wertbezüge, schufen Ordnung und leisteten Integration. Fester Bestandteil ritueller Kommunikation war der Verweis auf die legitimationsstiftenden Basiswerte der Ideologie. Meist ohne weitere inhaltliche Füllung wurden der „Sozialismus“, „die antifaschistische Demokratie“, „die nationale Einheit“, „der Internationalismus“, „der Frieden“, „das Volk“, „die Arbeiterklasse“ oder „die historische Gesetzmäßigkeit“ herbeizitiert und in meist vagem und deklamatorischem Bezug zum konkreten Anliegen gebracht.[49] Die Grundwerte der Ideologie wurden so stets aktualisiert, präsent gehalten und scheinbar bestätigt. Auf eine subtilere Dimension dieses Wertbezugs weisen Moore und Myerhoff hin.[50] Durch die immer wiederkehrende Zitation unbezweifelbarer Leitwerte und Kernannahmen der Ideologie wurden diese verdinglicht. Das „Unsichtbare“ und „Heilige“ wurde in der dauernden Wiederholung scheinbar reifiziert – es verselbständigte sich auch gegenüber den Akteuren, die es erst geschaffen hatten. Sollen und Sein, Imagination und Wirklichkeit verschmolzen im Ritual. Die sprachliche Verbindung von Feststellungen und Forderungen kann man in diesem Sinne interpretieren. Ludz stellte dazu fest, „daß metaphern-, gleichnis- und begriffsbezogene Denkweisen [im Sprachmilieu des Marxismus-Leninismus] häufig mit der Verwechselung der Sprach- und Realitätsebene einhergehen. Die Verwechselung von Sprach- und Realitätsebene ist, wie zahlreiche Beispiele zeigen, bewußte Politik.“[51]

Ordnung repräsentierten rituelle Praktiken allein schon durch ihre äußere Gestalt. Die feste Form, der immer gleiche oder nur geringfügig variierte Ablauf und die Tatsache der Wiederholung selbst symbolisierten Kontrolle, Ordnung und erfolgreiche Machtausübung. In ihrem Formenkonservatismus haftete ritueller Sprache wie jedem Ritual etwas dezidiert Antirelativistisches an; sie verbürgte Selbst- und Weltgewissheit, ohne dass diese immer wieder aufs Neue sachlich begründet werden mussten.[52] Integration leistete ritualisierte Sprache, indem sie die Angehörigen einer Gruppe auf einen bestimmten festgelegten Sprachmodus verpflichtete, der sie gegenüber anderen Sprechern abgrenzte. Sie kanonisierte damit ein allgemeines Merkmal von Gruppensprachen: „Die Gruppe wird definiert durch das, was man sagt und was man nicht sagt, was man nicht sagen darf, sie wird definiert durch ein bestimmtes Vokabular, durch bestimmte Argumentationsstrukturen und durch das, was das nur schwer Faßbare des Atmosphärischen ausmacht.“[53] Die Verwendung festgefügter Termini und Formeln wurde zum Signal der Anpassungsbereitschaft und der Unterordnung unter die Definitionsmacht der SED; ob ernst gemeint oder aus taktischer Anpassung, ist kaum festzustellen, aber für den Integrationserfolg nicht ohne Belang. Der Integrationseffekt einer ritualisierten Gruppensprache dürfte vermutlich sinken, wenn diese zur offiziellen Monopolsprache wird, da ihr dann das „Andere“, von dem sich die Gruppensprache identitätsstiftend abgrenzt, fehlt. Unter diktatorischen Bedingungen wurden rituelle Sprachformeln so schnell zum sprachlichen Gesslerhut, vor dem man sich pro forma beugte. Die Anpassungssignale konnten mehr Integration vortäuschen, als tatsächlich erreicht wurde, denn rituelle Praktiken verdecken Konflikte, ohne sie zu lösen.[54]

Vor allem der zuletzt genannte Aspekt verdeutlicht, dass das Rituelle in der Sprache vornehmlich der „Beziehungsgestaltung“ zwischen „oben“ und „unten“ und weniger der Informationsvermittlung diente.[55] Dies gilt nicht nur aus der Perspektive der Herrschenden, die sprachliche Anpassungssignale forderten, sondern auch aus der Perspektive der Beherrschten. Ein fester Formenkanon, verbindliche Interpretationsvorgaben und die Übernahme der oben gewünschten Sprachmuster reduzierten Komplexität und minderten Unsicherheit. Die jeweils aktuellen Floskeln waren leicht zu lernen und konnten schnell in den routinemäßigen Schriftverkehr eingebaut werden. Die rituelle Kommunikation schuf verbindliche Handlungsabläufe, Stetigkeit und Vorhersehbarkeit und sicherte so den Verfasser und Berichterstatter ab.[56] Die Folgen dieser Praxis hat Lutz Marz als „Präventivtrivialisierung“ recht treffend beschrieben: Um unangenehmen Nachfragen oder Kontrollen vorzubeugen, wurden möglichst nur die Informationen nach oben gereicht, die man für unverfänglich oder deren Konsequenzen man für berechenbar hielt.[57] Da die Berichtspflichtigen mit den Sprachhülsen jonglieren konnten, genügten sie meist den Anforderungen der Berichtsempfänger, denen es auf ideologische Konformität ankam, auch wenn der Informationsgehalt der Meldungen gering war. Ritualismus wirkte so an der Basis der Berichtspyramide entlastend. Durch Formenkonservatismus und stereotyp bekundeten ideologischen Konformismus reduzierte er Unsicherheit in einer Umwelt, die den sozialen Akteuren Handlungsbedingungen auferlegte, die von einer unkontrollierten Herrschaftsinstanz willkürlich manipuliert werden konnten. Es ist unter diesen Umständen außerordentlich plausibel, dass ritualisierte Konformitätsgesten zum alltäglichen Habitus der größten Gruppe der Bevölkerung gehörten.[58] Man muss hervorheben, dass die Rituale des öffentlichen Sprechens und Schreibens in der DDR ein Resultat der Beziehungsgestaltung in der „durchherrschten Gesellschaft“ waren.[59] Ihre Beschreibung und Analyse klärt nicht nur über die Herrschaftspraxis der SED auf, sondern kann auch zu den Tiefenkonflikten einer scheinbar „stillgestellten Gesellschaft“ führen.[60]

Der offizielle Sprachritualismus versinnbildlichte nämlich nicht nur den totalen Herrschaftsanspruch der SED, sondern gab diese Anmaßung zugleich der Lächerlichkeit preis. Nicht nur germanistische Fachzirkel der DDR klagten immer wieder über das ausufernde „Kaderwelsch“ und mahnten „Sprachpflege“ an. Auch manche Satire im Kabarett oder im „Eulenspiegel“ verdankte ihren Lacherfolg einem genüsslich sezierten Phrasenungetüm. Die alltägliche Sprachpraxis konnte die herrschaftliche Inszenierung sprachlicher Rituale absichtlich oder unabsichtlich immer wieder unterlaufen: Mit schnell heruntergehaspelten Floskeln konnte man sich routinemäßiger Berichtspflichten entledigen, ohne zu viel über sich und andere preiszugeben. Auch waren ideologische Termini nicht vor mehr oder weniger versteckten, klammheimlichen Bedeutungsverschiebungen gefeit, die Distanz gerade dadurch signalisierten, dass die Sprachrituale mitgemacht wurden. Bekannt und beliebt war etwa die Umdeutung gängiger Abkürzungen (DDR = Der Doofe Rest; SKET = Sehen-Kaufen-Einlagern-Tauschen).[61] Derartige Sticheleien gediehen meist unter Freunden und Kollegen und blieben scharf von der offiziellen Bedeutungsebene getrennt. Andere spielten so geschickt mit feinen Bedeutungsnuancen, dass auch im offenen Sprachgebrauch kaum feststellbar war, ob die „eigentliche“ oder eine ironisch gebrochene Bedeutung transportiert wurde. Wer mit Blick auf die trübe Realität der DDR vom gefeierten „Weltniveau“ sprach, hatte manchmal das gerade Gegenteil im Sinn. Die Rede von „der Partei“ oder „den Genossen“ konnte sowohl streng affirmativ wie uneigentlich distanziert gemeint sein, und wenn man die Sowjets als „die Freunde“ titulierte, so wurde dieser Euphemismus „kaum noch ohne ironischen Unterton gebraucht“.[62] „Das ironische Zitat markierte überhaupt eine DDR-spezifische Ambivalenz im Umgang mit der offiziellen Terminologie: Es manifestierte gleichzeitig Anerkennung wie Ablehnung, ließ den Sprecher nicht unter lästigen Verdacht geraten und signalisierte dem Wissenden doch Distanz, also zumindest einen kleinen Freiraum individuellen Sprechens.“[63] Sprachliche Rituale waren nur scheinbar eindeutig. In der alltäglichen Praxis lud gerade ihre zur Schau getragene Ernsthaftigkeit zu ironischer Distanzierung, zur Karikatur und Persiflage ein.

„Bürokratie“ und Sprache

Sowohl westliche als auch kritische östliche Darstellungen des Staatssozialismus haben immer wieder dessen bürokratische Formen hervorgehoben.[64] Das Bild vom „bürokratischen Sozialismus“ war angesichts der Allgegenwart von Staat und Partei plausibel und einprägsam. Genauer betrachtet, fällt allerdings auf, wie weit sich die Herrschaftsformen der staatssozialistischen Systeme, auch die der DDR, von dem Idealtypus „bürokratischer Herrschaft“ entfernt hatten, den man im Anschluss an Max Weber formulieren kann. „Quasibürokratien“ hat Ralf Bendix deshalb die Verwaltungen sowjetischen Typs genannt.[65] Jan Pakulski hat die große Distanz zum Weberschen Bürokratiemodell genauer ausgemessen.[66] Zu den Aspekten, die aus seiner Sicht den „unbürokratischen“ Charakter kommunistischer Herrschaft ausmachten, gehören die sehr weitgehende Erosion formaler Rationalität durch die „strukturelle Aufweichung der Normativität des Rechts“,[67] die Durchdringung von Partei- und Staatsapparat, die mangelnde De-Personalisierung von Herrschaft, so dass etwa ein guter Draht zu den allzu ständigen Parteisekretären allemal wirksamer war als die Einhaltung der Regeln und des formalen Geschäftsgangs der staatlichen Verwaltung,[68] die Auswahl der Funktionäre nach dem Nomenklaturprinzip, die sich vom Ideal einer Leistungsauslese nach Fachqualifikation weit entfernt hatte, und auch die Tatsache, dass private und öffentliche Sphäre in der Figur des Staats- oder Parteifunktionärs kaum zu trennen waren: „Der Sozialismus will den ganzen Menschen.“

Vor allem die Abwesenheit formaler Rationalität, die sich auf die Bindung der Bürokratie an das in legitimen Verfahren zustande gekommene Recht gründet, entfernte die Verwaltung der DDR wie anderer Ostblockstaaten weit vom Weberschen Typus. Nicht ein formales Regelwerk, sondern das ideologisch definierte politische Ziel bestimmte das Handeln.[69] Nun deckt sich auch die Realität westlicher Verwaltungen nicht mit dem Weberschen Idealtypus, und auch diese entwickeln charakteristische Kommunikationsformen, die in Einzelpunkten an die hier skizzierten erinnern. „In den Gesellschaften sowjetischen Typs waren die nicht-bürokratischen Verhältnisse jedoch keine Ausnahme oder Anomalie, sondern die Regel.“[70] Ob man dieses Phänomen noch als extreme Variante eines „Realtypus“ bürokratischer Herrschaft fassen oder besser andere Begriffe verwenden sollte, kann hier nicht weiter erörtert werden.[71] Stattdessen soll im Folgenden unter fünf Aspekten der Vermutung nachgegangen werden, dass die beobachteten Eigenheiten sprachlicher Praxis etwas mit diesen strukturellen Besonderheiten des Herrschaftssystems zu tun haben, wobei die einzelnen Überlegungen zum Teil recht hypothetischen Charakter haben.

Entrechtlichung und Ideologisierung

Wenn man feststellt, dass die staatlichen Verwaltungen in der DDR – und selbstverständlich der Apparat der SED – nicht an die formale Rationalität des Rechts, sondern an ideologische Ziele gebunden waren, heißt dies nicht, dass sie ohne Gesetze, Erlasse und Verordnungen handelten, sondern dass diese letztlich ohne überprüfbare und einklagbare Bindewirkung für den Staat und die herrschende Partei blieben. Im Konfliktfall konnte sich die Führung der SED jederzeit über jede rechtliche Regel hinwegsetzen. Das Verwaltungsrecht war in den 1950er-Jahren unter dem Vorwurf des „Formalismus“ und „Normenkults“ marginalisiert worden.[72] Ideologische Ziele rangierten vor „formalem“ Recht. Weder die verwaltungsinternen Strukturen und Prozeduren noch das nach außen wirkende Verwaltungshandeln unterlagen einer dem bürokratischen Modell vergleichbaren Regelbindung. Die Rechtssprache verlor ihre Leitfunktion für die Verwaltungssprache und wurde tendenziell durch die Sprache der politischen Ideologie verdrängt.[73] Statt auf Gesetze und Gerichtsentscheidungen verwies der behördeninterne Schriftverkehr auf ZK-Beschlüsse und die Äußerungen von Parteiführern. „Eingaben“ der Bürger entschieden die meist rechtsunkundigen Bearbeiter zum Teil bewusst ohne die Anwendung geltenden Rechts, da „die Bearbeiter sich lieber auf allgemeine ideologische Positionen zurückzogen und pragmatische politische Entscheidungen trafen“ – in vielen Fällen durchaus zugunsten des Beschwerdeführers.[74] Die „Scheu und Unsicherheit bei der Handhabung rechtlicher Instrumentarien“, die hierbei zutage trat, mag an der unzureichenden Ausbildung der Funktionäre gelegen haben; sie deutet aber ebenso auf die geringe Bindekraft des Rechts und die Durchschlagskraft von Ideologie oder Opportunität hin. Da das Recht auch dem entscheidenden Funktionär keine Sicherheit gab, war es für ihn allemal klüger, sein Handeln mit politischen Argumenten und ideologischen Floskeln zu rechtfertigen. Man könnte vermuten, dass die rechtliche Regelarmut durch die formalisierte ideologische Sprache kompensiert wurde, die in einzelnen Spezialverwaltungen wie der Staatssicherheit sogar zu internen Wörterbüchern der einschlägigen termini technici führte.[75] Dies trifft aber wohl nur sehr begrenzt zu, denn als funktionales Äquivalent zum formalisierten Recht konnten die akribisch gestanzten Sprachformeln schon deshalb nicht wirken, weil sie nicht einer ausdifferenzierten, auch gegenüber politischer Herrschaft relativ autonomen Sphäre entstammten, sondern der ausschließlichen Definitionswillkür der politischen Elite und ihres scholastischen Braintrusts unterlagen. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass die Formulierung und Kanonisierung behördeninterner Fachsprachen, etwa des Staatssicherheitsdienstes, eine besondere Art von „Professionalismus“ begünstigten, der ein Experten- und Elitebewusstsein bei den „Eingeweihten“ förderte und gleichzeitig durch seine technokratische Scheinwissenschaftlichkeit Gewaltausübung kaschierte und für die daran Beteiligten leichter handhabbar machte.

Doppelte Unterstellung unter Partei und Staat

Die Parallelisierung der staatlichen Behörden durch Gremien der SED, die in allen wichtigen Fragen Weisungen erteilten, bildete eine weitere Rahmenbedingung der Kommunikation in der Verwaltung. Da das Verhältnis zwischen der „führenden Partei“ und der staatlichen Administration keiner rechtlichen Regelung unterlag, wuchs die Bedeutung informeller Machtstrukturen und Beziehungen. Die Personalauswahl folgte nicht in erster Linie „durch Prüfung ermittelter, durch Diplom beglaubigter Fachqualifikation“,[76] sondern hatte sich der politischen Loyalitätsforderung der SED unterzuordnen, die über die Besetzung aller relevanten „Kader“-Stellen nach dem Nomenklaturprinzip entschied.[77] Dieses leistungsfeindliche Prinzip war nicht nur geeignet, Patronage- und Klientelbeziehungen zu fördern,[78] sondern verlieh eine sehr hohe Prämie auf demonstrative Anpassungsleistungen, zu denen an erster Stelle eine „streng beachtete Sprachloyalität“ gehörte.[79]

Eine weitere Konsequenz der Durchdringung von Partei und Staat war die Verdoppelung oder sogar, wenn man die Berichtszüge der „Massenorganisationen“ oder des Staatssicherheitsdienstes hinzunimmt, die Vervielfachung der Berichtsinstanzen. Für die Verwaltungsbediensteten wuchs die Handlungsunsicherheit und verstärkte sich eine in langer Erfahrung mit dem unberechenbaren Wechsel politischer „Linien“ gewachsene „Absicherungsmentalität“: Wo man mit der unkalkulierbaren Kontrolle durch Parteiinstanzen rechnen musste, war es allemal klüger, sich auf Belanglosigkeiten zurückzuziehen.

Zentralisierung

„Demokratischer Zentralismus“ und „Einzelleitung“ waren die Organisationsprinzipien der DDR-Verwaltung, die mit einer vertikalen Versäulung der Fachabteilungen und mit einer strengen Kompetenzabgrenzung auf horizontaler Ebene einhergingen. Alle wichtigen Entscheidungen wurden von der Parteispitze gefällt, und wer je die Tagesordnungen des Politbüros gesehen hat, weiß, dass das höchste Machtzentrum auch noch die kleinsten Nichtigkeiten an sich zu ziehen vermochte. Der Kommunikationsprozess in der Verwaltung wurde durch diesen Zentralismus mehrfach berührt. So entwickelte der zentrale Führungsapparat einen extremen Informationsbedarf, ohne dass die angeforderten Informationsmassen wegen der Überzentralisierung der Entscheidungsprozesse tatsächlich verarbeitet werden konnten. Das exzessive Berichtswesen produzierte mehr, als genutzt wurde, und manchem Bericht, den man in den Akten findet, sieht man an, dass er nie gelesen wurde. Am Beispiel des EDV-gestützten wirtschaftsstatistischen Informationssystems wird die Überforderung der Parteiführung durch die angeforderten Informationsmassen auffallend deutlich. Nur etwa ein Tausendstel der durch das statistische Informationssystem bereitgestellten und von der zentralen Partei- und Staatsführung selbst für relevant erachteten Informationen konnte tatsächlich genutzt werden.[80] Diktatorischer Zentralismus und Einzelleitung produzierten in den unteren Rängen der Verwaltungspyramide zudem eine Haltung, die Fred Klinger als „hierarchisches Bewußtsein und Regelvollzug“ bezeichnet hat. Damit ist gemeint, dass im System zentraler Lenkung Regeln ungeachtet ihrer Effekte befolgt wurden.[81] Sobald keine Anordnungen ergingen, wurde auch nicht gehandelt. Für den Informationsverkehr konnte dies u.a. bedeuten, dass man nur dann berichtete, wenn gefragt wurde, und nur das berichtete, was die Zentrale ausdrücklich abforderte. Die Organisationsstruktur begünstigte so eine für die Handelnden in den unteren Rängen hochrationale Sozialkultur der „organisierten Verantwortungslosigkeit“.[82] Gepaart mit dem Wissen um die Nutzlosigkeit vieler Berichtspflichten mag dies zu lässiger und phrasenhafter Berichterstattung ebenso verleitet haben wie die handfesten Absicherungsinteressen der Basis gegenüber der Zentrale: „So zeigte etwa im Verhältnis Industriebetrieb-Kombinatsleitung[83] oder Industriebetrieb-gesellschaftliche Organisationen […] die Alltagserfahrung der Betriebsleitung recht schnell, welcher Typ von Meldungen, Berichten, Problemdarstellungen et cetera mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit welche Art von Rapporten, Kontrollen, Zusatzberichten oder gar Inspektionen nach sich ziehen würde. Folglich entwickelten sich spezifische Optimierungsverfahren und Berichtskulturen, die auf Schadensverhütung, mindestens jedoch -begrenzung ausgerichtet waren.“[84] Um solch „defensivem Verhalten der ausführenden Organe gegenüber den jeweiligen Leitungsinstanzen“[85] oder möglichen Echoeffekten – bei denen man unten nur das wiederholte, was von oben als „input“ eingegeben wurde – entgegenzuwirken, operierte die Zentrale von Fall zu Fall mit Informationsbrigaden, die vor Ort nach dem Rechten sahen. Deren Berichte unterscheiden sich von den routinemäßigen Meldungen der unteren Instanzen durch ein höheres Maß an Präzision und Information,[86] – ein indirektes Indiz für den alltäglichen Abschirmungserfolg unterer Instanzen in einem überzentralisierten System ohne Rechtssicherheit.

Inszenierte Öffentlichkeit

An die Stelle einer dem Anspruch nach freien Öffentlichkeit „als Raum für Kommunikations- und Willensbildungsprozesse, insbesondere zur Kontrolle und ständigen demokratischen Legitimierung politischer Entscheidungen“,[87] trat in der DDR eine durch gesteuerte Informationen, Kontrolle, Zensur und arrangierte Diskurse „inszenierte Öffentlichkeit“.[88] Die staatliche Verwaltung und die SED standen weder unter der kritischen Kontrolle der Öffentlichkeit, noch informierte sie der öffentliche Diskurs über Meinungen und Stimmungen. Ein wahrer Geheimhaltungskult schirmte die staatlich-parteiliche Sphäre nach außen ab.[89] Der interne Informationsapparat gewann vor diesem Hintergrund erst seine Bedeutung. Das ausufernde Berichtswesen in den verschiedenen Hierarchien von Partei, Staat und „Massenorganisationen“ kann zum Gutteil als Versuch zur Kompensation der fatalen Folgen einer künstlichen Welt des schönen Scheins angesehen werden. Selbst das kafkaeske Auswuchern des Ministeriums für Staatssicherheit hatte zweifellos damit zu tun, dass die Stasi auch als Surrogat einer freien Öffentlichkeit fungieren musste.[90] Von der geheimen Meinungsforschung über die seit den 1960er-Jahren expandierende „Jugendforschung“ bis hin zu den „Eingabenanalysen“ reichten weitere Versuche, der Gefahr zu entgehen, in einer inszenierten Umwelt der eigenen Inszenierung zum Opfer zu fallen. Gleichwohl sind auch dies nur Scheinlösungen gewesen, weil sich Verzerrungen, Informationsverluste und Autosuggestionen der arrangierten Medienwelt im internen Berichtswesen zu verdoppeln drohten. Da auch im internen Bericht eher Konformismus als Offenheit honoriert wurde, da nur das kanonisierte Begriffsinstrumentarium zur Beschreibung der Welt zur Verfügung stand und da die von keiner Öffentlichkeit kontrollierten Berichtsinstanzen ein großes Eigeninteresse an einer zumindest selektiven Informationsweitergabe hatten, steckte die SED in einem informationellen Dilemma, das durch die einzige systemimmanenten Gegenstrategie, die Schaffung immer neuer interner Berichtsstränge nicht zu lösen war.

Informelle Netze

Der geringe Grad rechtlicher Formalisierung, die schwache Verbindlichkeit dieser Regeln, die patronageähnlichen Strukturen bei der Personalrekrutierung und die diffuse Allzuständigkeit der SED-Instanzen führten dazu, dass die Verwaltungen in einem Maße von informellen Beziehungs- und Kommunikationsnetzen durchsetzt waren, die vermutlich erheblich über das in rechtsförmig verfassten Bürokratien Gewohnte hinausgingen. Die Kleinräumigkeit der DDR, die sehr frühzeitige Auswahl der „Kader“ und die langfristige Festlegung von Laufbahnen, gemeinsame Ausbildungs- und politische Schulungserfahrungen, die relativ hohe soziale und kulturelle Homogenität der Funktionsträger – in der Frühzeit bevorzugt aus der Arbeiterklasse, später aus der etablierten „Dienstklasse“ rekrutiert – , eher geringe räumliche Mobilität, die Geläufigkeit vertraulicher „Duz-Beziehungen“[91] und anderes mehr knüpften in den Verwaltungen eine „seltene Dichte von Bekanntschaften und Freundschaftsbeziehungen“[92]. Die SED registrierte die sich einnistende „Kumpelideologie“[93] nicht ohne Sorge, vermochte aber letztlich nichts gegen sie auszurichten. Es ist zu vermuten, wenn auch im Einzelnen noch sehr genau zu überprüfen, dass dieses spezifische informelle Unterfutter offizieller Strukturen gravierende Konsequenzen für den behördlichen Kommunikationsprozess hatte. Die Annahme hat einiges für sich, dass die Sprache des Marxismus-Leninismus als „unvermeidliches Kommunikationsmittel“ der Schriftsprache selbstverständlich genutzt wurde, dass aber die „gehaltvolle“ Kommunikation zum Gutteil in den informellen Verkehr auf alltagssprachlicher Ebene überging. „Code switching“ und „double talk“ haben auch zur kommunikativen Kompetenz der Kader gehört. Die Folge dieser Praxis war u. a., dass „der offizielle Kontakt zwischen den Kadern sich immer mehr formalisierte und inhaltsleerer wurde. Der verbindliche Austausch von Meinungen und Erfahrungen wanderte in den Bereich kollegialer und freundschaftlicher Kreise.“[94] Da wachsende Informalisierung der Kommunikation zugleich eine geringere Verschriftlichung relevanter Austausch- und Entscheidungsprozesse bedeutete, ist zu erwarten, dass die schriftlichen Vorgänge diese noch unzureichender wiedergeben, als dies im Telefonzeitalter ohnehin der Fall ist.

Ein Teil der durch Ritualisierung auftretenden Informationsverluste wird so sicherlich ausgeglichen worden sein. In welchem Ausmaß informelle Kommunikation die Defizite der formellen kompensieren konnte, wie diese Kontaktzirkel aussahen und funktionierten, wieweit sie die unterschiedlichen Hierarchien von Staat, Partei, „Massenorganisationen“ etc. verbanden, ob sie die offiziell wenig entwickelten horizontalen Verbindungen von Abteilung zu Abteilung schaffen konnten und wieweit sie auch in vertikaler Richtung funktionierten, darüber lässt sich gegenwärtig noch nichts sagen. Für die Annahme, dass sie die Defizite der offiziellen Sprachrituale nur ungenügend auffangen und kompensieren konnten, spricht freilich die Leistungsschwäche und Unbeweglichkeit des Apparats. Sollte allerdings die Vermutung halbwegs plausibel sein, dass die Ritualisierung von einer gleichzeitigen Entformalisierung der Kommunikation begleitet war, dürfte hier ein wichtiger, wenn auch methodisch und quellenmäßig schwer zu fassender Aspekt von Herrschaft als kommunikativer Praxis liegen.

Vier zusammenfassende Thesen

Erstens: Die SED setzte einen hegemonialen Sprachstil durch, der die Kommunikation in der Öffentlichkeit und auch intern prägte. Dieser hegemoniale Sprachstil demonstrierte den Anspruch der SED auf ein „totales“ Definitions- und Deutungsmonopol in allen Sphären der Gesellschaft. Je erfolgreicher die SED ihre Herrschaft etablierte und auch den Monopolanspruch ihrer Sprache durchsetzte, desto mehr wurde die Verwendung dieser Sprache zu einem der am meisten generalisierten Unterordnungs- und Loyalitätssignale.

Zweitens: In der offiziellen Sprache zeigten sich fortschreitende Tendenzen der Ritualisierung. Diese lassen vermuten, dass latente Funktionen der Kommunikation wie die Bekräftigung von Werten, die Demonstration von Loyalität und die Gestaltung von Herrschaftsbeziehungen gegenüber den manifesten Inhalten der Rede an Gewicht gewannen. Der Sprachritualismus verweist aber trotz seiner scheinbar rein herrschaftsaffirmativen Funktion auf die typische Mehrdeutigkeit und Ambivalenz von „Herrschaft als sozialer Praxis“.[95] Er verdankte sich erfolgreich monopolisierter Definitionsmacht über Sprache, aktualisierte ideologische Wertbezüge und stärkte immer wieder aufs Neue die Fiktion, dass offizielles Weltbild und Welt identisch sind. Ritualismus konnte aber gleichzeitig den Adressaten von Herrschaft größere Handlungssicherheit schaffen, den Austausch mit Herrschaftsinstanzen berechenbarer gestalten und einen schwer bestimmbaren Raum von „Autonomie“ abschirmen.

Drittens: Sprachritualismus ist zugleich ein Indiz für die chronische Legitimationskrise der SED-Diktatur. Er verweist auf einen klaffenden Widerspruch zwischen abnehmender Wertbindung und einer äußerlich gewordenen Bindung an Formen und Mittel. Dass aber diese Loyalität gegenüber den Mitteln der Sprache eine schleichende Erstarrung und nicht ein Bruch mit Zielen und Mitteln die offene Rebellion förderte (von der kurzen Endkrise sei abgesehen),[96] erinnert nicht nur an die jederzeit gegenwärtige Gewaltdrohung hinter aller symbolischen Repräsentanz von Herrschaft, sondern auch an die lange historische Kontinuität und systemunspezifische Funktionalität „deutscher“ Verhaltenstugenden.

Viertens: Die besondere Struktur der Verwaltung in der SED-Diktatur begünstigte auf vielfache Weise den kommunikativen Stil des Ritualismus. Auch hier lässt sich erkennen, dass sich in der kommunikativen Praxis die Handlungen und Interessen von Herrschaftsinstanzen und Herrschaftsadressaten verquickten und eine Art paradoxe, auf Stagnation zulaufende Eigendynamik entfalteten, in der die „Fügsamkeit“ in Herrschaftszumutungen und die Unterordnung unter Sprachnormen ungewollt und schleichend den Bestand des Herrschaftssystems selbst unterhöhlten.

Anmerkungen

  1. Aus einem internen Bericht des DDR-Hochschulministeriums Mitte der 1980er-Jahre: „Ein stärkeres gezieltes und abgestimmtes Miteinander des Bereiches Staatssekretärs zu einigen herausragenden Schwerpunkt – [!] wäre u. E. auf einigen Strecken notwendig z. B. Leitungskonferenz, – aus der Sicht der inhaltlichen Aufgaben und Zielstellungen als auch des möglichen Mitwirkens - auch der Information wegen.“ In: Einschätzung der Hauptergebnisse des Studienjahres sowie Vorbereitung der Aufgaben der Hauptinspektion für Studienjahr 1984/85, Bundesarchiv Berlin (BArch B), DR-3, VA, 404.
  2. Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen, Direktive zur Weiterführung der Dritten Hochschulreform im Studienjahr 1970/71, Entwurf v. 12. 8. 1970, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (BArch-SAPMO), DY 30, IV A 2/9.04/510.
  3. Die linguistische Forschung zur Sprache in der DDR hat eine reichhaltige Literatur hervorgebracht. Vgl. Horst Dieter Schlosser, Die deutsche Sprache in der DDR zwischen Stalinismus und Demokratie. Historische, politische und kommunikative Bedingungen, Köln 1990; Wolf Oschlies, Würgende und wirkende Wörter. Deutschsprechen in der DDR, Berlin 1989; Martin Ahrends (Hrsg.), Allseitig gefestigt. Stichwörter zum Sprachgebrauch der DDR, München 1989; Friedhelm Debus (Hrsg.), Sprachliche Normen und Normierungsfolgen in der DDR, Germanistische Linguistik 82-83, Hildesheim 1986; Colin H. Good, Zeitungssprache im geteilten Deutschland. Exemplarische Textanalysen, München 1989; Manfred W. Hellmann, Bibliographie zum öffentlichen Sprachgebrauch in der Bundesrepublik und in der DDR, Düsseldorf 1976; ders., Zum öffentlichen Sprachgebrauch in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR. Methoden und Probleme seiner Erforschung, Düsseldorf 1973; Michael Kinne/Birgit Strube-Edelmann, Kleines Wörterbuch des DDR-Wortschatzes, Düsseldorf 1981; Hans H. Reich, Sprache und Politik. Untersuchungen zu Wortschatz und Wortwahl des offiziellen Sprachgebrauchs in der DDR, München 1968. Nach der „Wende“ erschienen u. a. folgende Sammelbände: Gotthard Lerchner (Hrsg.), Sprachgebrauch im Wandel. Anmerkungen zur Kommunikationskultur in der DDR vor und nach der Wende, Frankfurt a. M. 1992; Armin Burkhardt/K. Peter Fritzsche (Hrsg.), Sprache im Umbruch: politischer Sprachwandel im Zeichen von „Wende“ und „Vereinigung“, Berlin 1992; Ruth Reiher/Rudiger Läzer (Hrsg.), Wer spricht das wahre Deutsch? Erkundungen zur Sprache im vereinigten Deutschland, Berlin 1993.
  4. Vgl. Walther Dieckmann, Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache, Heidelberg 1975; Horst Grünert, Deutsche Sprachgeschichte und politische Geschichte in ihrer Verflechtung, in: Werner Besch (Hrsg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, Berlin 1984, S. 29-37.
  5. Lucian Hölscher, Wie begrenzt ist die Sozialgeschichte? Diskutiert am Beispiel des Industrialisierungsdiskurses, in: Manfred Hettling (Hrsg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen (Festschrift für Hans-Ulrich Wehler zum 60. Geburtstag), München 1991, S. 312-322, S. 313.
  6. Vgl. Thomas Childers, Political Sociology and the „linguistic turn”, in: Central European history 22 (1989), S. 381-393.
  7. Vgl. hierzu z. B. die Arbeit von Peter Christian Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung. Eine sprachpolitische Analyse gesellschaftlichen Wandels in der DDR, München 1980.
  8. Vgl. z. B. Hugo Moser (Hrsg.), Das Aueler Protokoll. Deutsche Sprache im Spannungsfeld zwischen Ost und West. (= Die Sprache im geteilten Deutschland, Bd. 1), Düsseldorf 1964; Herbert Bartholmes, Das Wort „Volk“ im Sprachgebrauch der SED. Wortgeschichtliche Beiträge zur Verwendung des Wortes „Volk“ als Bestimmungswort und als Genitivattribut, Düsseldorf 1964, S. 40-57; Ruth Römer, Das Motiv der Bewegung in der Sprache der SED, in: Wirkendes Wort 14 (1964), S. 170-183; dies., Der Partei Begriff der SED im Spiegel ihrer Sprache, in: Moser, Das Aueler Protokoll, S. 58-79.
  9. Andrzej Madela, Posttotalitäre Mentalität als Sprache, in: Kommune. Forum für Politik-Ökonomie-Kultur 7 (1991), S. 6-10, hier S. 7.
  10. Vgl. Oschlies, Würgende Wörter, S. 99-143; Schlosser, Sprache in der DDR, S. 157-180.
  11. Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 157-158.
  12. Ulla Fix, Rituelle Kommunikation im öffentlichen Sprachgebrauch der DDR und ihre Begleitumstände. Möglichkeiten und Grenzen der selbstbestimmten und mitbestimmenden Kommunikation in der DDR, in: Lerchner (Hrsg.), Sprachgebrauch im Wandel, S. 3-99.
  13. Meine Kenntnis der archivalischen Quellen bezieht sich auf die Überlieferung des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen bzw. der Abteilung Wissenschaft im ZK der SED bis in die 1970er-Jahre, deren Beständen ich für meine laufende Untersuchung zur Sozialgeschichte der Hochschullehrerschaft in der DDR nutze. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Sprachpraxis dieser Verwaltungsteile atypisch gewesen wäre.
  14. Diese Zusammenstellung ist sicher nicht vollständig. Sie stützt sich auf vorliegende Forschungen zur politischen Sprache in der DDR und die eigene Lektüreerfahrung. Vgl. Oschlies, Würgende Wörter; Schlosser, Sprache in der DDR; Reich, Sprache und Politik; Römer, Motiv der Bewegung; Bartholmes, „Volk“.
  15. Ein reichhaltiges Glossar dieser ideologischen Fachterminologie mit vielen Beispielen und Quellenbelegen hat Reich, Sprache und Politik, zusammengestellt.
  16. Hellmann, Einige Beobachtungen zu Häufigkeit, Stil und journalistischen Einstellungen in west- und ostdeutschen Zeitungstexten, in: Debus (Hrsg.), Sprachliche Normen und Normierungsfolgen in der DDR, S. 169-199.
  17. Ernst Topitsch, Über Leerformeln. Zur Pragmatik des Sprachgebrauchs in Philosophie und politischer Theorie, in: ders. (Hrsg.), Probleme der Wissenschaftstheorie, Festschrift für Victor Kraft, Wien 1960, S. 236-264; Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 121ff.; Norbert Kapferer, Von der „Macht des Wortes“ zur „Sprache der Macht“ zur Ohn-Macht der Vernunft. Über die Enteignung der Sprache im real existierenden Sozialismus durch die marxistisch-leninistische Philosophie, in: Burkhardt/Fritzsche, Sprache im Umbruch, S. 19-40, hier S. 32.
  18. Marten-Finnis spricht von „Stabilitätssemantik“ und „Totalitätssemantik“,vgl. Susanne Marten-Finnis, Pressesprache zwischen Stalinismus und Demokratie. Parteijournalismus im „Neuen Deutschland“ 1946-1993, Tübingen 1994, S. 44ff.
  19. Madela, Posttotalitäre Mentalität als Sprache, S. 10.
  20. Vgl. M. Rainer Lepsius, Die Institutionenordnung als Rahmenbedingung der Sozialgeschichte der DDR, in: Hartmut Kaelble (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 44ff.
  21. Dieckmann, Sprache in der Politik, S. 81-86; Hildegard Wagner, Die deutsche Verwaltungssprache der Gegenwart. Eine Untersuchung der sprachlichen Sonderform und ihrer Leistung, Düsseldorf 1972.
  22. Schlosser, Sprache in der DDR, S. 113-116.
  23. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 29ff.
  24. Dieckmann, Sprache in der Politik, S. 26.
  25. So eine Vorlage der „Sektion Ökonomische Kybernetik und Operationsforschung“ der Humboldt-Universität zu Berlin von 1969, BAP, R-3, 3479.
  26. eh. Bergmann, Parteisprache und Parteidenken. Zum Sprachgebrauch des ZK der SED, in: Lerchner (Hrsg.),Sprachgebrauch im Wandel, S. 101-142, hier S. 124.
  27. Muray J. Edelman, Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns, Frankfurt a.M. 1976, S. 167-183.
  28. Von der Sprache der Literatur und der einzigen nicht fusionierten Institution „Kirche“ sei hier einmal abgesehen. Vgl. dazu Schlosser, Sprache in der DDR, S. 120-122, S. 132-149.
  29. Vgl. Jürgen Beneke, Zur Entwicklung der Redeweisen Jugendlicher und ihrer Erforschung in der DDR, in: Jugend '92. Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland, hrsg. vom Jugendwerk der Deutschen Shell (= Die neuen Länder: Rückblick und Perspektiven, Bd. 1), Opladen 1992, S. 159-170; Oschlies, Würgende Wörter, S. 125-143.
  30. In extremster Zuspitzung hat schon George Orwell diese These formuliert. George Orwell, Neunzehnhundertvierundachtzig, Stuttgart 1964, S. 273-280.
  31. Schlosser, Sprache in der DDR, S. 177.
  32. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre sollen die Titulaturen im „Neuen Deutschland“ ein Drittel bis zur Hälfte des Textes entsprechender Berichte eingenommen haben; Marten-Finnis, Pressesprache, S. 76f.
  33. Ein von Stefan Heym 1977 zusammengestelltes Glossar solcher eingeschliffenen Kombinationen zitiert Oschlies, Würgende Wörter, S. 93.
  34. Vgl. auch: Bergmann, Parteisprache, S. 104-114.
  35. Ich stütze mich hierbei auf meine Lektüreerfahrung mit den periodischen Berichten der Hochschulen und Universitäten an das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen; nach allem, was über andere Ressorts zu hören ist, lagen die Verhältnisse dort ähnlich. Zu den Informationsberichten aus dem Hochschulwesen vgl. für die 1960er-Jahre z. B. BArch B, DR-3, 5844, 5845,5577,3479,3251,3252 u. ö. Noch dichter ist die Berichtsüberlieferung für die 1970er- und 80er-Jahre, z. B. BArch B, DR-3, VA, B 858 c, B 909 b, B 1069 b, B 1400/ la, B 1426 u. ö.
  36. Vgl. Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung.
  37. Bergmann, Parteisprache, S. 107 u. 113.
  38. Vgl. die Berichte der Universität Jena im Frühjahr 1952, BArch B, DR-3, 1282.
  39. Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied 1967, S. 120ff.
  40. Corinna Fricke, Überlegungen zu einem Neuansatz der gesellschaftswissenschaftlichen Linguistik, ihre Aufgaben und Quellen, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 43 (1990), S. 141-160, hier S. 146.
  41. Vgl. Oschlies, Würgende Wörter, S. 87.
  42. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 38.
  43. Zur Vielfalt der Definitionen vgl. Elisabeth Rauch, Sprachrituale in institutionellen und institutionalisierten Text- und Gesprächssorten, Frankfurt a. M. 1992, S. 14-38.
  44. Sally F. Moore/ Barbara G. Myerhoff, Secular ritual: forms and meanings, in: dies. (Hrsg.), Secular ritual, Assen 1977, S. 3-24, hier S. 7-8.
  45. Vgl. Rauch, Sprachrituale, S. 27f., 35f.
  46. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 67f.
  47. Sie untersucht die Texte von Gelöbnissen, offiziellen Grußreden oder Dankes- und Willensbekundungen.
  48. Beneke, Redeweisen Jugendlicher, S. 165.
  49. Vgl. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 61-63.
  50. Moore/Myerhoff, Secular ritual, S. 11ff., S. 22, S. 24.
  51. Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 157.
  52. Moore/Myerhoff, Secular ritual, S. 3, S. 16-17.
  53. Grünert, Sprachgeschichte und politische Geschichte, S. 34; vgl. auch Fix, Rituelle Kommunikation, S. 61-63.
  54. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 61-63. Zur instrumentellen Nutzung von Ritualen zur Integration und (Schein-)legitimation vgl. Ralf Rytlewski/Detlev Kraa, Politische Rituale in der Sowjetunion und der DDR, in: Aus Politik und Zeitegschichte 3 (1987), S. 33-48; Ralf Rytlewski, Politische und soziale Rituale in der DDR, in: Dirk Berg-Schlosser/Jakob Schissler (Hrsg.), Politische Kultur in Deutschland. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Opladen 1987, S. 247-257. Beck hebt hervor, dass Agitation und Propaganda der SED nach einer repressiven Phase in den Anfängen zunächst auf wirtschaftliche Verbesserung und am Ende nur noch auf „gesellschaftliche Ritualisierung“ setzte. Martin Beck, „Rhetorische Kommunikation“ oder „Agitation und Propaganda“. Zu Funktionen der Rhetorik in der DDR. Eine sprechwissenschaftliche Untersuchung, St. Ingbert 1991, S. 179; Dieter Segert, Fahnen, Umzüge, Abzeichen – Die Macht der Rituale und Symbole, in: Thomas Blanke/Rainer Erd (Hrsg.), DDR – Ein Staat vergeht, Frankfurt 1990.
  55. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 61-63; Rauch, Sprachrituale, S. 60 ff.
  56. Fix, Rituelle Kommunikation, S. 40f., S. 61-63; Moore/Myerhoff, S. 17f.
  57. Lutz Marz, Die Ohnmacht der Allmacht, in: Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur 8 (1990), H. 3., Frankfurt a. M., S. 63-67, hier S. 67.
  58. Siehe Segert, Figuren der politischen Kultur der DDR und Schwierigkeiten ihres Umbaus, in: Michael Brie/Dieter Klein (Hrsg.), Umbruch zur Moderne? Kritische Beiträge, Hamburg 1991, S. 58-82, hier S. 70.
  59. Alf Lüdtke, „Helden der Arbeit“– Mühen beim Arbeiten. Zur missmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR, in: Kaelble (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, S. 188-213, hier S. 188; Jürgen Kocka, Eine durchherrschte Gesellschaft, in: Ebd., S. 547-553.
  60. Vgl. Sigrid Meuschel, Überlegungen zu einer Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte der DDR, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 5-14, hier S. 6.
  61. Statt: „Schwer- und Kraftmaschinenbau ,Ernst Thälmann‘ Magdeburg“.
  62. Schlosser, Sprache in der DDR, S. 162. Vgl. auch Oschlies, Würgende Wörter. S. 121.
  63. Schlosser, Sprache in der DDR, S. 163.
  64. Vgl. René Ahlberg, Die sozialistische Bürokratie. Marxistische Kritik am etablierten Sozialismus, Stuttgart 1976; András Hegedüs, Sozialismus und Bürokratie, Reinbek b. Hamburg 1981; Gerd Meyer, Bürokratischer Sozialismus. Eine Analyse des sowjetischen Herrschaftssystems, Stuttgart-Bad Cannstatt 1977.
  65. Reinhard Bendix, Bureaucracy, in: The International Encyclopedia of the Social Sciences, New York 1968, Bd. 2, S. 206-219, hier S. 212.
  66. Jan Pakulski, Bureaucracy and the Soviet System, in: Studies in Comparative Communism I, 1986, S. 3-24.
  67. Karl A. Mollnau, Die Babelsberger Konferenz von 1958, in: Im Namen des Volkes? Über die Justiz im Staat der SED, Leipzig 1994, S. 231-235, hier 233.
  68. Sehr instruktiv hierzu: Landolf Scherzer, Der Erste. Eine Reportage aus der DDR, Köln 1989.
  69. Pakulski, Bureaucracy, S. 18 ff.
  70. Ebd., S. 11., Übersetzung Ralph Jessen.
  71. Pakulski selbst schlägt den Begriff „Partokratie“ vor.
  72. Rainer Erd, Die Verwaltung der Gerechtigkeit. Über Recht und Justiz in der DDR, in: Blanke/ders. (Hrsg.), DDR, S. 36-47, hier S. 39.
  73. Wagner, Verwaltungssprache, S. 102 ff.
  74. R. Nissei, Recht im Bewußtsein der Bürger, in: Im Namen des Volkes? Über die Justiz im Staat der SED. Wissenschaftlicher Begleitband zur Ausstellung des Bundesministeriums der Justiz, Leipzig 1994, S. 73-82, hier S. 77.
  75. Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen des MfS zur „politisch-operativen Arbeit“, Berlin 1993.
  76. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976, S. 127.
  77. Hartmut Zimmermann, Überlegungen zur Geschichte der Kader und der Kaderpolitik in der SBZ/DDR, in: Kaelble (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, S. 322-356.
  78. Ilja Srubar, War der reale Sozialismus modern? Versuch einer strukturellen Bestimmung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 43 (1991), S. 415-432.
  79. Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 158.; vgl. auch Lepsius, Die Institutionenordnung; Zimmermann, Geschichte der Kader.
  80. Markus Güttler, Die Grenzen der Kontrolle. Das statistische Informationssystem und das Versagen zentralistischer Planwirtschaft in der DDR, in: Richard Bessel/Ralph Jessen (Hrsg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996, S. 253-273; vgl. auch Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 43 ff.; Fred Klinger, Organisation und Innovation – die Grenzen der Fabrikautomatisierung, in: Gert-Joachim Glaeßner (Hrsg.), Die DDR in der Ära Honecker. Politik – Kultur – Gesellschaft, Opladen 1988, S. 371-401.
  81. Fred Klinger, Statik und Dynamik in der DDR. Zum Leistungsverhalten von Industriearbeiterschaft und wissenschaftlich-technischer Intelligenz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) B 46/47 (1985), S. 19-35.
  82. Rudolf Bahro, Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus, Frankfurt 1977, S. 188, der Andras Hegedüs zitiert.
  83. Im Original heißt es hier irrtümlich „Kombinationsleitung“.
  84. Marz, Ohnmacht der Allmacht, S. 67.
  85. Fred Klinger, Die Krise des Fortschritts in der DDR. Innovationsprobleme und Mikroelektronik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) B 3 (1987), S. 3-19, hier S. 12.
  86. Hubert Rottleuthner, Steuerung der Justiz, in: Im Namen des Volkes?, S. 221-229, hier S. 226.
  87. Verena Blaum/Werner Löcher, Art. „Öffentlichkeit“, in: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.), Kulturpolitisches Wörterbuch: Bundesrepublik Deutschland/Deutsche Demokratische Republik im Vergleich, Stuttgart 1983, S. 452-546, hier S. 546.
  88. Blaum/Löcher, Öffentlichkeit, S. 545.
  89. Ludz, Mechanismen der Herrschaftssicherung, S. 33-38; vgl. z. B. Wilhelm Bleek/Lothar Mertens, Bibliographie der geheimen DDR-Dissertationen, München 1994; dies., Verborgene Quellen in der Humboldt-Universität. Geheimgehaltene DDR-Dissertationen, in: Deutschland-Archiv 25 (1992), S.1181-1190.
  90. ClemensVollnhals, Das Ministerium für Staatssicherheit. Ein Instrument totalitärer Herrschaftsausübung, in: Kaelble (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, S. 498- 518, hier S. 508, S.512,
  91. Rottleuthner, Steuerung der Justiz, S. 223 f.
  92. Zimmermann, Geschichte der Kader, S. 334. Aber auch „Abneigungen und Feindschaften“ gediehen in diesem Klima, wie Zimmermann vermerkt. Zur lokalen Verdichtung sozialer Beziehungen durch mangelnde Mobilität vgl. auch Ralph Jessen, Professoren im Sozialismus. Aspekte des Strukturwandels der Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära, in: Kaelble (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, S. 217-253, hier S. 232-236.
  93. Information über die Juristische Fakultät der Universität Halle v. 24. 2. 66, BArch B DR-3, 1857.
  94. Zimmermann, Geschichte der Kader, S. 337.
  95. Alf Lüdtke, Einleitung: Herrschaft als soziale Praxis, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991, S. 9-63.
  96. In diesem Sinne könnte man Mertons Anomie-Theorie zur Erklärung der Sprachritualisierung heranziehen. Vgl. Robert King Merton, Sozialstruktur und Anomie, in: Fritz Sack/René König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, Frankfurt a. M. 1968, S. 283-313; Siegfried Lamnek, Theorien abweichenden Verhaltens, München 1988, S. 114-124.
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