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Die Sonderrolle der Berliner Zeitung Version 1.0 Peter Strunk
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From DDR-Presse: Beitraege und Materialien

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Mit freundlicher Genehmigung des De Gruyter Verlags: Auszug aus: Peter Strunk, Zensur und Zensoren. Medienkontrolle und Propagandapolitik unter sowjetischer Besatzungsherrschaft in Deutschland, München 1996
Siehe auch
Artikel: Hanno Hochmuth Das Pressefest des „Neuen Deutschland“ (27.02.17) Peter Strunk Die Sonderrolle der „Berliner Zeitung“ (27.06.13) Holger Impekoven Zur Geschichte der „Neuen Zeit“ (06.06.11) Burghard Ciesla Zur Geschichte des „Neuen Deutschland“ (29.03.12)
Hauptfoto: File:Kapitelbild Geschichte der Zeitungen.jpg
Berlin, Friedrichstraße, _Berlin, _Friedrichstra%C3%9Fe, _Pavillon_des_Berliner_Verlages
Die Sonderrolle der „Berliner Zeitung“
von: Peter Strunk veröffentlicht: 27.06.2013

Die Sonderrolle der „Berliner Zeitung“

Am Abend des 18. Mai 1945 erteilte General Galadschew, Chef der Politverwaltung der 1. Belorussischen Front, dem Obristen Alexander W. Kirsanow den Befehl zur Herausgabe der „Berliner Zeitung“. Kirsanow war erst wenige Stunden zuvor in Berlin eingetroffen. Zur Unterstützung erhielt er fünf Leutnants zugeteilt, mit denen er sich am nächsten Tag auf die Suche nach einer funktionstüchtigen Druckerei machte. [1] Die journalistische Vorarbeit leistete Rudolf Herrnstadt. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Fritz Erpenbeck sah er sich nach geeigneten Mitarbeitern für den Wiederaufbau eines deutschen Pressewesens um. [2] Nach wenigen Tagen machten sie die Journalisten Helmut Kindler und Gerhard Grindel ausfindig. Kindler, ein früherer Mitarbeiter beim Deutschen Verlag, war kurz vor Kriegsende aus der Wehrmacht desertiert und hielt sich bei Grindel in Berlin versteckt. Die beiden wurden von Herrnstadt zur sowjetischen Stadtkommandantur nach Friedrichsfelde gebracht, wo man sie sicherheitshalber erst einmal einige Tage einsperrte. Wie sich Helmut Kindler später erinnerte, wurden dann beide nach Kreuzberg zur Druckerei Meusel in die Urbanstraße Nr. 71 gefahren, wo seit dem 15. Mai die „Tägliche Rundschau“ erschien. [3] Dort bildete Herrnstadt einen Redaktionsstab, dem außerdem Kirsanow, Oberleutnant Feldmann als Stellvertreter, Grindel, Kindler und einige weitere deutsche Mitarbeiter angehörten. [4] Die Redaktion bezog in unmittelbarer Nähe der Druckerei in einem Hotel ihr erstes Quartier, das sie wenig später in eine alte Feuerwache in die Lindenstraße (Stadtbezirk Kreuzberg) verlegte. [5]

Am 21. Mai 1945 erschien mit vier Seiten Umfang und einer Auflage von 100.000 Exemplaren die erste Nummer der „Berliner Zeitung“. [6] Wie bei der „Täglichen Rund­schau“ wurden ihre ersten Ausgaben von den Redakteuren selbst beziehungsweise durch Klebekolonnen der Bezirksämter im Stadtgebiet verteilt. [7] Trotz der kurzen Vorbereitungszeit war es Herrnstadt und seinen Mitarbeitern gelungen, eine Zeitung herauszugeben, hinter deren äußerem Erscheinungsbild kaum jemand das Organ einer sowjetischen Militärdienststelle vermutete. Vielmehr vermittelte das Blatt seinen Lesern den Eindruck eines von Deutschen redigierten Lokalblattes. Kirsanow wurde zwar seit dem 31. Mai 1945 im Impressum der Zeitung formell als Chefredakteur genannt, in Wirklichkeit befaßte er sich jedoch mit dem Aufbau einer Nachrichtenagentur. Zwar trat er in der Redaktion der „Berliner Zeitung“ kaum in Erscheinung, zeichnete aber die Beiträge Herrnstadts ab. [8] Grindel und Kindler blieben nur kurze Zeit in der Redaktion. An ihre Stelle traten bald Mitarbeiter, die in der Sowjetunion geschult worden waren. Unter ihnen befand sich der spätere stellvertretende Chefredakteur des Blattes, Gerhard Kegel, der als Legationssekretär des Auswärtigen Amtes im Zweiten Weltkrieg für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte und 1945 zur Roten Armee desertiert war. Neben Kegel traten auch kommunistische Emigranten und ehe­malige NKFD-Angehörige wie Grete Lode, die spätere Schwiegertochter Wilhelm Piecks, sowie Bernt von Kügelgen und Günter Kertzscher in die Redaktion ein. [9]

Mitte Juni faßte die sowjetische Besatzungsmacht den Entschluß, die „Berliner Zeitung“ in deutsche Hände zu übertragen. Am 17. Juni 1945 kündigte der Berliner Stadtrat für Volksbildung, Otto Winzer (KPD), im Verordnungsblatt die Umwandlung der „Berliner Zeitung“ in das „offizielle Publikationsorgan“ der Stadt Berlin an. Damit schlüpfte die „Berliner Zeitung“ in eine Rolle, die ihr von den deutschen Kommunisten von vornherein zugedacht war.

Mitte Juni fiel der Beschluß, die „Berliner Zeitung“ in deutsche Hände zu übergeben. Die Volksbildungs-Abteilung des Berliner Magistrats wurde beauftragt, „für die Herausgabe der 'Berliner Zeitung' und anderer Publikationen des Magistrats einen 'Verlag der Stadt Berlin' zu gründen“. [10] Am 22. Juni trat Kirsanow die Chefredaktion an Rudolf Herrnstadt ab. [11] Bei Übergabe der Zeitung in deutsche Hän­de setzte sich das Betriebsvermögen lediglich aus vier Schreibmaschinen und einigen Möbelstücken zusammen. Guthaben in Höhe von 227.000,-- RM verblieben im Besitz der Roten Armee. [12] Innerhalb kurzer Zeit gelang es Herrnstadt jedoch, den Verlag auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage zu stellen: Am 16. August 1945 zog die Redaktion in die Jägerstraße Nr. 10/11 in den sowjetischen Sektor Berlins um. Wenig später stand ihr auch eine eigene leistungsfähige Druckerei zur Verfügung. Vom 23. August an erschien die „Berliner Zeitung“ im größeren Format und mit veränderter Titelgestaltung. Gleichzeitig wurde die Auflage von 100.000 auf 150.000 Exemplare gesteigert. Anfang September 1945 kamen weitere 50.000 Exemplare hinzu. In der ersten Oktoberhälfte betrug die Auflage schon 300.000 Exemplare. Im Laufe des Jahres 1946 stieg sie schließlich auf 400.000. [13] Der Berliner Magistrat stellte man im November 1947 rückblickend fest: „Dieses Unternehmen wurde getragen von den günstigen Zeitumständen, und die Geschäfte hatten sich innerhalb kurzer Zeit aus eigener Kraft so günstig entwickelt, daß der Verlag zu einem der bestfundierten Zeitungsunternehmen gerechnet werden konnte“. Bereits am 11. Oktober 1945 verfügte die „Berliner Zeitung“ über 786.000 RM an liquiden Mitteln, bis Jahresende konnte ein Reingewinn von mehr als einer halben Million RM erwirtschaftet werden. [14] Der wirtschaftliche Erfolg setzte sich auch 1946 fort. Inzwischen wurde ein Teil der Auflage der Zeitung, die zunächst nur im Berliner Stadtgebiet zur Verteilung kam, auch in das Umland geliefert. [15]

Zwar hatte die sowjetische Besatzungsmacht die „Berliner Zeitung“ im Juni 1945 dem Berliner Magistrat übergeben, aber dort gab es keine Stelle zur Kontrolle des Blattes. [16] Somit war die Zeitung dem Zugriff der Westmächte entzogen. Die Westalliierten bemängelten daher immer wieder den ungeklärten Status der Zeitung. [17] Aufgrund ihres Protestes sah sich die Propagandaverwaltung der SMAD schließlich dazu veranlaßt, am 12. Februar 1946 die Lizenz Nr. 388 an Rudolf Herrnstadt und Gerhard Kegel zu vergeben. [18] Zur offiziellen Übergabe der Zeitung an die neuen Lizenzträger kam es allerdings erst später. Nach zwei entsprechenden Meldungen am 13. und 14. März 1946, ließ der Berliner Magistrat am 17. April durch Rundschreiben mitteilen, die Zeitung sei nicht länger Organ des Magistrats. [19]

Die „Berliner Zeitung“ war eine Ausnahmeerscheinung in der sowjetisch kontrollierten Presselandschaft. Schon als Zeitung der Roten Armee unterschied sie sich in Aufmachung und Stil deutlich von den übrigen Blättern und erlangte frühzeitig eine relativ hohe Popularität. Die „Berliner Zeitung“ avancierte später zum Organ der Berliner SED-Bezirksleitung, gab sich aber als solches nicht eindeutig zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Kirsanow, „21. Mai 1945: Die erste BZ“, S. 18 und Kuby, Die Russen in Berlin, S. 360 f..
  2. Interview der Forschungsgruppe mit Gerhard Grindel: Der erste Monat. Berlin im Mai 1945, aus der Materialsammlung für Geschichte der Stadt Berlin unter der Viermächtebesatzung im Auftrag des Senators für Volksbildung und des Presseverbandes Berlin. Hrsg. von der Forschungsgruppe für Berliner Nachkriegsgeschichte, Berlin o.J. (15.3.1953), LAZ, Nr. 3067, S. 55 f.. Siehe auch: Leithäuser, Journalisten, S. 17; Bernt von Kügelgen, „‘Berliner Zeitung' - Jahrgang 1945“, ... einer neuen Zeit Beginn, S. 269-284., hier: S. 269 und Oschilewski, Zeitungen in Berlin, S. 277 f..
  3. Der erste Monat, LAZ, Nr. 3067 und Kindler, Zum Abschied ein Fest, S. 297 und 305.
  4. Leithäuser, Journalisten, S. 17f..
  5. Memorandum Peter de Mendelssohns vom 14.9.1945, IfZ-Archiv, Bestand Mf 260 (OMGUS), 5/238-3/16, S. 3.
  6. A. W. Kirsanow, „21. Mai 1945: Die erste BZ“, NDP, 29 (1975), Nr. 9, S. 18 und ders., „Wie es damals war“, NDP, 23 (1969), Nr. 5, S. 36 und ders., „Der erste Monat“, „Berliner Zeitung“, 21.5. 1965: Die Befreiung Berlins, S. 240, Dok. 219.
  7. Grigorij Lwowitsch Weiß, „Ich war wieder Journalist“, ...einer neuen Zeit Beginn, S. 558; Vgl. auch Bericht des Bezirksbürgermeisters von Berlin-Schöneberg (Erich Wendland), 30.5.1945, LAZ, Nr. 2633.
  8. Kindler, Zum Abschied ein Fest, S. 319 und Kegel, In den Stürmen, S. 490.
  9. Bernt von Kügelgen avancierte später zum Chefredakteur der kulturpolitischen Wochenzeitschrift in der DDR „Sonntag“. Günter Kertzscher wurde 1949 zum Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ ernannt. Zur Mitarbeit von Kügelgens bei der „Berliner Zeitung“: Kügelgen, „‘Berliner Zeitung' Jahrgang 1945“, S. 269 und ders., Nacht der Entscheidung, S. 477 f.. Siehe auch: Oschilewski, Zeitungen in Berlin, S. 227 f. und Leithäuser, Journalisten, S. 17. Zu Kertzscher: „30 Jahre Befreiung vom Hitlerfaschismus“, Festvortrag von Günter Kertzscher auf der 7. Tagung des VDJ-Zentralvorstandes, NDP, 29 (1975), Nr. 9, S. 18.
  10. Bekanntgabe des Berliner Magistrats vom 17.6.1945, Verordnungsblatt für Groß-Berlin. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Berlin, 1 (1945) Nr. 3, S. 29 Zur Übergabe siehe auch: Kirsanow, „Wie es damals war“, S. 39.
  11. „Berliner Zeitung“, 20.6.1945.
  12. Mitteilung - zur Kenntnisnahme - über Feststellung wegen der finanziellen Beteiligung an der „Berliner Zeitung“. ( = Mitteilung des Magistrats von Berlin, unterz. von Louise Schroeder und Ernst Reuter, 25.11.1947, Berlin, Quellen und Dokumente, 1. Halbband, S. 235.
  13. Memorandum Peter de Mendelssohns vom 14.9.1945, IfZ-Archiv, Bestand Mf 260 (OMGUS), 5/238-3/16, S. 3; Special Interrogation Report, 7.9.1945, BAK, Z 45 F (OMGUS), AGTS/14/6, S. 6 und Streng Vertrauliche Mitteilung, 9.10.1945, IfZ-Archiv, Bestand Mf 260 (OMGUS), 5/238-3/16.
  14. Mitteilung - zur Kenntnisnahme - über Feststellung wegen der finanziellen Beteiligung an der „Berliner Zeitung“, 25.11.1947, Berlin, Quellen und Dokumente, 1. Halbband, S. 236.
  15. Memorandum Peter de Mendelssohns vom 14.9.1945, IfZ-Archiv, Bestand Mf 260 (OMGUS), 5/238-3/16, S. 4. Zum Verbreitungsgebiet siehe auch: Kügelgen, „‘Berliner Zeitung' - Jahrgang 1945“, S. 269.
  16. Bericht des Information Control Branch, OMGBS vom 28.2.1947, BAK, Z 45 F (OMGUS), ISD 5/238-1/16.
  17. Hurwitz, Eintracht, S. 84.
  18. Vgl. fotographische Wiedergabe der Lizenzurkunde für die „Berliner Zeitung“ vom 12.2.1946: Kegel, In den Stürmen, zwischen S. 448/449.
  19. Rundschreiben Nr. 15 der Rechtsabteilung des Magistrats von Berlin vom 17.4.1946, LAZ, Nr. 7783. Siehe auch „Berliner Zeitung“, 13. und 14.3.1946 und „Der Berliner“. 6.4.1946. Zu den Hintergründen der Übergabe: Hurwitz, Stunde Null, S. 308 f. und ders., Eintracht, S. 103.
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